Bei noch kleinen Kindern funktionieren Belohnungssysteme häufig gut: Eine Auswertung von 96 experimentellen Studien von Cameron und Pierce (2002) zeigt, dass Belohnungen das Verhalten von Kindern kurzfristig verbessern. Gleichzeitig stellten die Forscher fest, dass negative Auswirkungen auf die intrinsische Motivation vor allem dann auftreten können, wenn Menschen für Tätigkeiten belohnt werden, die sie ohnehin gerne ausführen. Kurz: Durch das Belohntwerden gewöhnen sich Kinder das, was sie gerne tun, ab. Was schade ist.
Mit zunehmendem Alter verlieren Belohnungssysteme ohnedies ihre Wirkung. Kinder gewöhnen sich daran, für bestimmtes Verhalten eine Gegenleistung zu erhalten, und erwarten diese immer häufiger. Bleibt die Belohnung aus, sinkt oft auch die Motivation. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass gutes Verhalten nur dann wichtig ist, wenn dafür etwas zurückkommt.
Viele Menschen halten diese Form der Erziehung für sinnvoll. Deshalb wird sie nicht nur in Familien, sondern teilweise auch in Bildungseinrichtungen eingesetzt. Dabei stellt sich die Frage, ob Kinder auf diese Weise tatsächlich lernen, warum gutes Verhalten wichtig ist, oder ob sie lediglich lernen, wie sie eine Belohnung erhalten können.
Verhalten aus Überzeugung statt für eine Belohnung
Dabei sollte gutes Benehmen eigentlich selbstverständlich sein. Kinder sollten lernen, respektvoll und rücksichtsvoll zu handeln, weil sie verstehen, warum dieses Verhalten wichtig ist, und nicht nur, weil sie dafür belohnt werden. Wer schon früh erlebt, dass nicht jede richtige Entscheidung sofort eine Belohnung nach sich zieht, entwickelt eher ein eigenes Verantwortungsgefühl und handelt aus Überzeugung.
Auch im späteren Leben wird man nicht für jede gute Tat belohnt. Rücksichtnahme, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft gelten als normale Bestandteile des Zusammenlebens. Deshalb erscheint es sinnvoll, Kindern früh zu vermitteln, dass gutes Verhalten einen Wert an sich hat und nicht von einer Gegenleistung abhängig sein sollte.
Die Schattenseite von Strafen
Oft geht ein Belohnungssystem mit Strafen einher. Funktionieren die Belohnungen nicht mehr wie gewünscht, wird häufig mit Konsequenzen oder Sanktionen gedroht. Kurzfristig kann dies zwar dazu führen, dass Kinder ihr Verhalten ändern, langfristig löst es das eigentliche Problem jedoch oft nicht.
Kinder lernen dadurch möglicherweise vor allem, Strafen zu vermeiden. Sie verstehen aber nicht unbedingt, weshalb ihr Verhalten unangemessen war. Werden Strafen zu häufig eingesetzt, können sie außerdem Druck erzeugen und das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern belasten.
Warum Gespräche oft mehr bewirken
Anstatt sofort zu bestrafen, wäre es oft sinnvoller, mit dem Kind über sein Verhalten zu sprechen. Eltern können erklären, weshalb bestimmte Regeln wichtig sind und welche Auswirkungen das Verhalten auf andere Menschen hat. So lernt das Kind, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.
Geduld spielt dabei eine wichtige Rolle. Nicht jedes Fehlverhalten verschwindet nach einem einzigen Gespräch. Wiederholte Erklärungen und klare Grenzen helfen Kindern häufig mehr als ständige Drohungen. Erst wenn Gespräche und Erklärungen dauerhaft keine Wirkung zeigen, sollten Konsequenzen in Betracht gezogen werden.
Auch im Familienalltag zeigt sich, wie wichtig Kommunikation ist. Gemeinsame Mahlzeiten bieten beispielsweise die Gelegenheit, über den Tag zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen. Solche Gespräche stärken das Familienleben und fördern das gegenseitige Verständnis.
Belohnungen und Strafen können also kurzfristig wirksam sein, sind jedoch nicht immer die beste Lösung. Entscheidend ist, dass Kinder verstehen, warum gutes Verhalten wichtig ist. Eine Erziehung, die auf Vertrauen, Kommunikation und gegenseitigem Respekt basiert, kann dazu beitragen, dass Kinder Verantwortung übernehmen und aus eigener Überzeugung handeln. Deshalb sollte der Schwerpunkt weniger auf Belohnungen und Bestrafungen liegen, sondern stärker darauf, Kindern Werte und soziale Kompetenzen zu vermitteln.
Kommentare