Draußen dämmert es bereits, der Verkehr in der Innenstadt ist dicht und der Regen peitscht gegen die Windschutzscheibe. Ein kurzer Blick nach rechts genügt, um auf dem riesigen Bildschirm des Armaturenbretts die Scheibenwischer-Intensität zu verändern. Der Finger tippt auf die glatte Glasfläche, rutscht durch eine Bodenwelle ab, sucht das richtige Untermenü im System, tippt erneut und aktiviert schließlich die Funktion. Während dieses scheinbar harmlosen Vorgangs rollt das anderthalb Tonnen schwere Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h völlig unkontrolliert weiter, während der Fahrer am Steuer für mehrere Sekunden komplett vom Verkehrsgeschehen isoliert ist.
Was wie ein absolut lebensgefährliches Experiment klingt, ist auf Österreichs Straßen mittlerweile bittere Realität – und im Gegensatz zum Smartphone in der Hand völlig legal. Immer mehr Autofahrer drücken beim Fahren keine echten, spürbaren Tasten mehr, sondern suchen alltägliche Funktionen auf riesigen, leuchtenden Displays, die das Cockpit in ein rollendes Wohnzimmer verwandeln.
Das billige Glas ersetzt das Gefühl
Wer heute in ein modernes Auto einsteigt, sucht echte, physische Regler für die Heizung, das Gebläse oder das Radio oft völlig vergeblich. Nahezu alle Einstellungen laufen über verschachtelte Menüstrukturen auf gigantischen Glasfronten, die sich in manchen Oberklasse-Modellen bereits über die gesamte Breite des Armaturenbretts erstrecken. Für die Automobilhersteller ist diese Digitalisierung ein genialer wirtschaftlicher Trick, da ein einziger zentraler Bildschirm in der Produktion weitaus billiger ist als Dutzende einzelner Knöpfe, Schalter und die dazugehörige, aufwendige Verkabelung.
Doch die menschliche Biologie spielt bei diesem Trend einfach nicht mit und stößt im Alltag an ihre Sicherheitsgrenzen. Einen echten, dreidimensionalen Drehknopf kann man während der Fahrt mühelos ertasten und blind bedienen, ohne den Blick auch nur eine Millisekunde von der Fahrbahn abzuwenden. Ein glattes Display bietet den Fingerspitzen dagegen überhaupt keinen Halt und kein haptisches Feedback – das Auge des Fahrers muss also unweigerlich mitschauen, um den virtuellen Button auf der spiegelnden Oberfläche exakt zu treffen.
28 Meter im absoluten Blindflug
Die Experten der ÖAMTC Fahrtechnik haben zu diesem gefährlichen Verhalten eine erschreckende und aufrüttelnde mathematische Rechnung aufgestellt. Wer bei einer normalen Geschwindigkeit von 50 km/h im dichten Stadtverkehr nur zwei vermeintlich kurze Sekunden braucht, um den Radiosender zu wechseln oder die Klimaanlage neu einzustellen, legt stolze 28 Meter im absoluten Blindflug zurück. Das sind exakt 28 Meter, in denen die Person am Steuer absolut nicht sieht, ob plötzlich ein Kind zwischen parkenden Autos auf die Straße läuft, ein Radfahrer unerwartet abbiegt oder das vorausfahrende Fahrzeug eine Vollbremsung hinlegt. Noch dramatischer wird die Situation auf der Autobahn: Bei einem Tempo von 130 km/h verdoppelt sich diese unkontrollierte Strecke im Bruchteil einer Sekunde auf weit über 70 Meter. Das entspricht fast der gesamten Länge eines großen Fußballfeldes, das man mit hoher Geschwindigkeit komplett ohne Blick auf die Straße überquert, während man blind auf einer Glasscheibe herumtippt.
Unfallursache Nummer 1
Die nackten und ungeschönten Zahlen der aktuellen Unfallstatistik sprechen eine klare Sprache und sollten jedem Autofahrer zu denken geben. Unachtsamkeit und Ablenkung sind in Österreich mittlerweile das mit Abstand größte Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr, noch weit vor überhöhter Geschwindigkeit oder Sekundenschlaf []. Laut den offiziellen Daten des Verkehrsclubs ist der Anteil der Ablenkungsunfälle in den vergangenen Jahren rasant gestiegen und macht bereits über 34 Prozent aller Verkehrsunfälle im gesamten Bundesgebiet aus.
Das sind fast 13.000 schwere Unfälle in einem einzigen Jahr, die durch einen einfachen Blick auf die Straße komplett vermeidbar gewesen wären. Um die Dimension dieser Gefahr zu verdeutlichen, hilft ein wissenschaftlicher Vergleich: Die Ablenkung durch das Suchen in komplexen Bildschirm-Menüs schränkt die menschliche Reaktionszeit laut medizinischen Studien sogar noch stärker ein, als wenn man mit Alkohol im Blut fährt. Das Gehirn ist mit der Koordination von Lenken und Suchen schlichtweg völlig überfordert.
Zurück zum echten Knopf für mehr Sicherheit
Selbst die großen internationalen Prüfgesellschaften haben die Reißleine gezogen und fordern nun ein schnelles Umdenken der Industrie. Allen voran steht Euro NCAP – das ist die wichtigste europäische Organisation für Crash-Tests, die unabhängig bewertet, wie sicher neue Automodelle bei Unfällen wirklich sind und entsprechende Sterne vergibt. Euro NCAP greift jetzt hart durch und verlangt ab diesem Jahr, dass essenzielle Funktionen wie der Blinker, die Scheibenwischer, der Warnblinker oder der automatische Notruf zwingend wieder als echte, physische Knöpfe verbaut sein müssen. Wer diese Vorgabe als Autohersteller ignoriert, verliert in Zukunft automatisch seine wichtige Fünf-Sterne-Höchstbewertung beim Sicherheitstest, was einen enormen Imageschaden bedeutet. Die moderne Technik im Auto soll schließlich für den Schutz der Insassen und Passanten sorgen, bewirkt durch den Touchscreen-Wahn im Moment aber leider oft das genaue Gegenteil. Denn der beste Airbag nützt am Ende des Tages gar nichts, wenn das Hindernis erst bemerkt wird, nachdem es bereits gekracht hat.
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