Nur wenige Hundertstelsekunden sind Skisportler schneller als ihre Kolleginnen. Für Zuschauer wirkt es so, als hätten alle gleiche Chancen auf wirtschaftlichen Gewinn durch Preisgelder und Werbeeinnahmen, doch der Schein trügt. Jeden Winter verfolgen Tausende Menschen, wie Skisportler*innen die Pisten hinunterbrettern, ohne zu bemerken, wie groß die Ungleichheit in dieser Sportart immer noch ist.
Der Weg zum Erfolg in diesem Spitzensport ist hart und beginnt schon in frühen Jahren. Voraussetzung ist der Besuch von Skikursen im Kleinkindalter, worauf meist eine Skimittelschule folgt. Die Ausbildung geht weiter über die Teilnahme an den Mini-Cups, darauffolgende Bezirkscups und in der Folge die Aufnahme an einem Skigymnasium oder Ski-Stützpunkt, wo Trainer*innen das Talent der Sportler*innen fördern und eine Einteilung in Kaderstufen erfolgt. Nach unzähligen Trainingsstunden, kleineren Rennen und konstanten Leistungen folgt im besten Fall eine Teilnahme an den FIS-Rennen.
Sportler*innen stehen dabei unter großem Druck, besonders hinsichtlich der Wettkämpfe und Qualifizierungen, die sie erreichen müssen. Neben diesen Herausforderungen ist die Ausbildung äußerst kostspielig und bringt viele weitere Anforderungen mit. Internat, weite Strecken, die täglich zurückzulegen sind, um zum Training oder zu Wettkämpfen zu gelangen, und teure Ausrüstung.
Trotz dieser zahlreichen Hürden gehen Menschen diesen Weg und obwohl beide Geschlechter die gleiche Ausbildung erfahren, bestehen weiterhin Unterschiede in ihrer Anerkennung. Besonders offensichtlich ist das im Preisgeld. Während in vielen Berufen eine Gender-Pay-Gap besteht, verdienen Frauen im Skisport nicht nur rund 67 Prozent weniger, sondern bekommen auch oft nur Sachpreise. Ebenfalls mangelhaft ist die mediale Präsenz der Sportlerinnen. Männer stehen hier im Vordergrund, sind die begehrteren Interviewpartner und haben deshalb auch bessere Chancen auf Sponsoring. Hinzu kommt die erhöhte Verletzungsgefahr für Frauen, da Ausrüstungsgegenstände immer noch oft an männlichen Körperdaten orientiert sind.
Der Hintergrund liegt in der Vergangenheit. Der Skisport schloss Frauen in seiner Entstehungsphase fast gänzlich aus. Vorherrschende Rollenbilder sahen sie als körperlich schwach und ausschließlich auf Haushalt und Familie beschränkt. Als Maßstab galten jahrzehntelang die Leistungen der Männer und bei genauerem Hinschauen scheint es, als würden die Männer fürchten, die Frauen könnten sie überholen. Von bestimmten Wettkampfformaten, wie der nordischen Kombination bei den Olympischen Winterspielen, sind Frauen nach wie vor ganz ausgeschlossen. Das Niveau in der Breite sei noch nicht hoch genug, sagte gerade erst dieses Jahr das olympische Komitee. Auch das Machtgefälle zwischen Sportlerinnen und Trainern, die größtenteils männlich sind, stellt ein Problem dar. Sexuelle Belästigung und Diskriminierungen sind die Folgen.
Dennoch kämpfen sich Frauen unter die Besten und zeigen ihre Fähigkeiten, wie Sandra Lahnsteiner. Geboren im Salzkammergut, stand sie bereits mit zwei Jahren auf Ski. Mittlerweile reist sie als erfolgreiche Filmproduzentin und Freeriderin um die Welt. Auch für Sandra war der Weg nicht leicht. Früh musste sie sich den harten Strukturen des Sports anpassen. Um das Jahr 2000 entschied sie sich schließlich gegen die Profi-Rennkarriere. Nach Abschluss der Skitrainer-Ausbildung und ihres Sportwissenschaftsstudiums setzte sie ihr Können in der Ausbildung junger Talente in Gastein ein. Die Entdeckung des Freeridens war ein weiterer Wendepunkt ihrer Karriere.
Sandra war von nun an nicht mehr auf den durch Tore abgegrenzten Pisten zu finden, sondern wagte sich die steilen, mit Tiefschnee bedeckten Hänge des Gebirges hinunter. Frustriert von der männlichen Dominanz im Freeriden, begann Sandra Filme zu produzieren. 2010 entstand ihre erste Filmproduktion „As we are“, die zum ersten Mal Frauen in den Mittelpunkt des Skisports rückte und international für Aufsehen sorgte.
Es blieb aber nicht nur bei einem Film. In ihren Filmen liegt der Fokus konsequent auf Frauen, doch „Shades of Winter: Between“ und „Pure: A Shades of Winter Movie“ rücken die Sportlerinnen besonders in den Vordergrund, während „Lucid“ den psychologischen Aspekt des Sports thematisiert. Frauen sind im Spitzensport immer noch unterschätzt, doch sie haben die Wahl.
Entweder lassen sie sich von der Gesellschaft und den Skimächten kleinhalten oder sie kämpfen mutig dagegen an und zeigen der Welt, was in ihnen steckt, wie Sandra. Wie sie zeigt, sind Mut, Durchhaltevermögen und Stärke keine Frage des Geschlechts.
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