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96 Prozent der Schüler*innen sagen: Uns fehlt Wissen fürs echte Leben

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
28.08.2026
6 Min.

Mietverträge prüfen, einen Lohnzettel verstehen und mit einem Monatsbudget auskommen: Fast alle Befragten einer Ö3-Jugendstudie wünschen sich mehr Wissen für den Alltag. Meine Freunde Johannes, Elias und Lorenz sind darunter. Die Einigkeit endet aber bei der Frage, was dafür aus dem Unterricht verschwinden soll.

Viele Jugendliche wünschen sich mehr Alltagswissen in der Schule. (Foto: shutterstock)

96 Prozent der 16- bis 25-Jährigen wünschen sich mehr Wissen für das Alltagsleben. Das zeigt die Ö3-Jugendstudie 2026. Besonders gefragt sind praktische Themen wie Finanzen, Mietverträge und andere Fragen, mit denen junge Menschen spätestens beim Auszug aus dem Elternhaus konfrontiert werden. Für die Auswertung wurden 13.457 Antworten von 16- bis 25-Jährigen herangezogen.

Einer von ihnen ist mein Freund Johannes. Der 17-Jährige besucht eine AHS und kennt Begriffe wie Kaution und Betriebskosten. Einen echten Mietvertrag selbst zu prüfen, würde ihn trotzdem vor einige Fragen stellen. Vor allem bei der Kündigungsfrist wüsste er nicht sicher, wann er einen Vertrag beenden kann und welche Bedingungen dafür gelten.

Auch bei den tatsächlichen Wohnkosten wäre er unsicher. Zur Miete würde Johannes mit Betriebskosten, Strom und Internet rechnen. Bei einem konkreten Wohnungsinserat könnte er aber nicht zuverlässig erkennen, welche Kosten bereits enthalten sind und welche später noch dazukommen.

Ähnlich geht es ihm bei der Arbeitnehmerveranlagung. „Ich weiß, dass man sich damit unter bestimmten Umständen Geld vom Finanzamt zurückholen kann“, sagt Johannes. „Wie ich sie selbst richtig mache, könnte ich dir aber nicht erklären.“ FinanzOnline zu öffnen und einer Anleitung zu folgen, traut er sich zu. Sobald er entscheiden müsste, was er eintragen oder geltend machen kann, würde er seine Eltern oder das Internet fragen.

Johannes steht damit für ein Problem, das die Studie sichtbar macht: Viele Jugendliche wünschen sich mehr Wissen für Situationen, die nach der Schule unmittelbar auf sie zukommen. Die Frage ist deshalb, ob die Schule sie ausreichend darauf vorbereitet.

Finanzbildung steht schon im Lehrplan

Die Forderung beginnt nicht bei null. Wirtschafts-, Finanz- und Verbraucherbildung ist im österreichischen AHS-Lehrplan als übergreifendes Thema verankert. Schülerinnen und Schüler sollen unter anderem lernen, mit Einkommen, Konsum, Geld und Sparen umzugehen. Auch Veranlagungen, Verbraucherrechte, Arbeitswelt und Steuern werden genannt.

Finanzbildung kann im Unterricht beispielsweise bedeuten, ein Haushaltsbudget zu erstellen, Zinsen für einen Kredit zu berechnen, Werbung für Geldanlagen kritisch zu prüfen oder die Aufgaben von Steuern zu besprechen. Ein eigenes Pflichtfach und eine dafür reservierte Wochenstunde gibt es an der AHS aber nicht. Das Thema soll in bestehende Gegenstände eingebaut werden.

Genau dort kann die Lücke zwischen Lehrplan und Schulalltag entstehen. Ein Inhalt kann offiziell vorgesehen sein, ohne dass jede Klasse ihn anhand einer konkreten Alltagssituation bearbeitet. Johannes erinnert sich an Unterricht über Wirtschaft und Geld. Einen Muster-Mietvertrag oder eine Arbeitnehmerveranlagung hat er nach eigener Erinnerung nie selbst bearbeitet.

„Wir lernen meistens, wie etwas grundsätzlich funktioniert“, sagt er. „Wir mussten es aber nicht selbst machen.“ Müsste er einen Mietvertrag tatsächlich prüfen, würde seiner Einschätzung nach deutlich mehr hängen bleiben.

Österreich verfolgt außerdem seit 2021 eine Nationale Finanzbildungsstrategie. Laut dem staatlichen Finanzportal laufen rund 150 Maßnahmen unter ihrem Dach. Dazu gehören Unterrichtsmaterialien, Workshops und Fortbildungen für Lehrkräfte.

Eine Untersuchung der Österreichischen Nationalbank zeigt zugleich, wie hoch die Erwartungen an Schulen sind. Die befragten Lehrkräfte warnten, sie könnten nicht jede gesellschaftliche Aufgabe allein übernehmen. Für neue Inhalte brauche es Zeit, geeignete Materialien und entsprechende Ausbildung.

Eine Stunde nach dem Auszug

Elias, ebenfalls 17, wünscht sich ein eigenes Fach namens „Alltagswissen“. Wie eine typische Stunde darin aussehen könnte, beschreibt er konkret: Die Schülerinnen und Schüler haben ihren Schulabschluss geschafft, bekommen ein fiktives erstes Gehalt und wollen ausziehen. Dazu erhalten sie einen Muster-Mietvertrag und eine Liste monatlicher Ausgaben.

„Einen Muster-Mietvertrag durchgehen, einen Lohnzettel verstehen und danach mit dem Nettogehalt ein Monatsbudget erstellen“, sagt Elias. „Das wären Sachen, die fast jeder irgendwann braucht.“

Am Ende müssten die Schülerinnen und Schüler erklären, welche Kosten zusätzlich zur Miete anfallen, was nach allen Ausgaben vom Gehalt bleibt und worauf sie vor einer Unterschrift achten müssen. Eine Prüfung kann sich Elias vorstellen. Abgefragt werden sollten aber keine auswendig gelernten Definitionen.

„Wenn ich einem Schüler einen Lohnzettel und einen Mietvertrag gebe und er mir erklären kann, wie viel Geld ihm tatsächlich bleibt und worauf er beim Vertrag achten muss, dann hat er es verstanden.“

Elias’ Vorschlag klingt lebensnah. Er schafft aber ein neues Problem: Eine Unterrichtsstunde lässt sich nicht beliebig in einen bereits gefüllten Stundenplan schieben. Eine zusätzliche Wochenstunde lehnt Elias ab. Stattdessen würde er Spezialstoff kürzen, den nur wenige später benötigen.

„Einen Mietvertrag wird fast jeder irgendwann unterschreiben“, sagt er. „Manche Sachen, die wir für einen Test lernen, brauche ich danach nie wieder.“

Auf die Nachfrage, welcher Stoff verschwinden soll, wird seine Antwort vorsichtiger. Grundlagen müssten erhalten bleiben. Nicht jedes Thema müsse jedoch von allen bis ins kleinste Detail behandelt werden.

Was ist wirklich verzichtbar?

Johannes möchte ebenfalls kein gesamtes Fach streichen. Er würde in mehreren Gegenständen Inhalte kürzen, die vor allem für eine Prüfung auswendig gelernt werden. Notfalls würde er sogar eine Stunde länger in der Schule bleiben, wenn dort praktisch gearbeitet wird.

Das Problem: Was Johannes oder Elias verzichtbar erscheint, kann für andere Schülerinnen und Schüler entscheidend sein. Ein naturwissenschaftliches Detail kann später für ein Studium wichtig werden. Geschichte, Literatur oder Kunst müssen keinen unmittelbaren finanziellen Nutzen haben, um Allgemeinbildung zu vermitteln.

Genau deshalb nimmt Lorenz, 17, eine andere Position ein. Auch er möchte mehr über Sparen, Verträge und Steuern lernen. Ein neues Pflichtfach hält er jedoch für unnötig. Er bevorzugt Workshops oder einzelne Module.

„Nur weil ich etwas später vielleicht nicht brauche, heißt das nicht, dass es für jemand anderen unnötig ist“, sagt Lorenz. Er würde lieber eine zusätzliche Wochenstunde akzeptieren, als ein bestehendes Fach zu kürzen.

Auch die Österreichische Schülerunion beschäftigte sich 2026 mit diesem Konflikt. Ein dort eingebrachter Antrag fordert Finanzbildung in allen Schulformen, will aber zugleich zusätzliche Schulstunden vermeiden. Stattdessen sollen weniger relevante Inhalte gekürzt werden. Welche Inhalte damit gemeint sind, bleibt auch dort offen.

Hilfe von zu Hause ist ungleich verteilt

Johannes, Elias und Lorenz nennen ihre Eltern als wichtige Informationsquelle. Das verschafft ihnen Unterstützung, die nicht alle Schülerinnen und Schüler erhalten. Manche Eltern können einen Mietvertrag erklären oder bei FinanzOnline helfen. Andere haben dafür keine Zeit, kennen sich selbst zu wenig aus oder sprechen zu Hause kaum über Geld.

„Dann hast du einen Nachteil, obwohl du nichts dafür kannst“, sagt Johannes.

Elias sieht darin einen zentralen Auftrag der Schule. Alltagswissen dürfe nicht davon abhängen, in welcher Familie jemand aufwächst. Lorenz stimmt zu: Schule müsse unterschiedliche Voraussetzungen zumindest teilweise ausgleichen.

Dabei braucht auch Finanzbildung selbst kritische Distanz. Unterrichtsmaterialien und Workshops können von Banken, Unternehmen, Arbeitnehmervertretungen oder staatlichen Stellen stammen. Diese Organisationen haben unterschiedliche Interessen. Guter Unterricht muss deshalb nicht nur erklären, wie eine Geldanlage funktioniert. Er muss auch zeigen, wer daran verdient, welche Risiken bestehen und woran unabhängige Informationen zu erkennen sind.

Was am Ende hängen bleiben sollte

Die Gespräche mit Johannes, Elias und Lorenz sind keine wissenschaftliche Erhebung. Sie zeigen aber, was hinter den 96 Prozent der Jugendstudie stecken kann.

Alle drei wollen Verträge verstehen, ihr Geld einteilen und selbstständige Entscheidungen treffen. Johannes würde Inhalte in mehreren Fächern kürzen und notfalls länger bleiben. Elias fordert ein eigenes Fach. Lorenz will bestehende Gegenstände schützen und bevorzugt zusätzliche Module.

Einen einfachen Weg gibt es nicht. Mehr Alltagswissen braucht Zeit im Unterricht. Wird dafür eine zusätzliche Stunde eingeführt, wird der Schultag länger. Werden bestehende Inhalte gekürzt, muss entschieden werden, was weniger wichtig ist. Bleibt alles unverändert, hängt praktische Unterstützung stärker davon ab, was Jugendliche zu Hause lernen.

Johannes formuliert am Ende ein konkretes Ziel: „Ich sollte einen Mietvertrag bekommen und zumindest verstehen können, was ich unterschreibe, welche Kosten auf mich zukommen und wie ich wieder aus dem Vertrag herauskomme.“

Damit lässt sich der Wunsch nach Alltagswissen ziemlich konkret prüfen. Ein Schulabschluss sollte nicht bedeuten, jeden Vertrag ohne fachliche Beratung beurteilen zu können. Er sollte aber ermöglichen, vor einer Unterschrift die entscheidenden Fragen zu erkennen.

Bei Johannes wären das heute die Kündigungsfrist, die Befristung und die tatsächlichen Gesamtkosten. Genau an diesen Punkten zeigt sich, ob Finanzbildung nur im Lehrplan steht – oder ob sie Jugendlichen tatsächlich hilft, wenn sie zum ersten Mal selbst über Geld, Wohnung und Verträge entscheiden müssen.


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