94 Benachrichtigungen auf 17 Geräten in 50 Minuten. Das ist der Spitzenwert eines Experiments am BG/BRG Bruck an der Leitha, gemessen in einer 8. Klasse der Oberstufe. Lehrkräfte zählten mit. Rechnerisch meldet sich damit alle 32 Sekunden irgendein Handy im Raum.
Im Schnitt kam die Oberstufe der Schule auf 60 Benachrichtigungen pro Unterrichtsstunde, die Unterstufe auf 27. Hochgerechnet auf einen Schultag mit sechs Stunden ergibt das für die Oberstufe 360 Pings. Die Zahlen stammen aus dem Buch Handyfreie Schule - Vom Dauerkonflikt zur gelebten Regel von Andrea Buhl-Aigner, erschienen zum Schulbeginn 2026.
Was seit dem 1. Mai 2025 gilt
Das Handyverbot reicht bis zum Ende der Sekundarstufe 1, also bis zur 8. Schulstufe. Schüler*innen der Unterstufe packen Handys, Smartwatches und ähnliche Geräte in der Schule weg, im Unterricht wie in der Pause. Bei Schulveranstaltungen bleibt das Gerät ebenfalls in der Tasche.
Ausnahmen gibt es für Recherche im Unterricht, digitale Wörterbücher, digitale Schülerausweise, Stadtpläne und medizinische Zwecke wie das Blutzuckermessen bei Diabetes. Bei mehrtägigen Ausflügen dürfen Schulen feste Zeitfenster festlegen. So beschreibt es der ORF.
Lehrkräfte dürfen Geräte bis zum Ende des Schultags abnehmen. Bei wiederholten Verstößen sowie bei Mobbing, Gewalt oder Pornografie geht das Handy nur an die Erziehungsberechtigten zurück.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) nannte das Handy bei der Ankündigung im März 2025 einen „Konzentrationskiller", berichtet der ORF. Ob höhere Schulstufen folgen, ließ er damals offen. Zu den Eltern sagte er: „Manche Eltern wollen ihr Kind immer erreichen, auch in der Schulzeit."
Karin Spahn, Vertreterin der Schulleitungen, sagte laut demselben Bericht, 80 Prozent der Schulen gingen bereits restriktiv mit Handys um. Die Verordnung stärke die Direktionen.
Umweltmediziner Peter Hutter von der Universität Wien nannte im selben Bericht „erhöhte Reizbarkeit, Angst und Schlafstörungen" als mögliche Folgen intensiver Handynutzung im Schulalltag.
Die Regel endet mit der 8. Schulstufe. Wer als Erstklässler*in im Gymnasium sein Handy im Rucksack lassen musste, kommt in der 9. Schulstufe in eine Oberstufe, für die keine bundesweite Vorgabe existiert.
Ein Jahr danach
Zwölf Monate später ziehen die ersten Schulen Bilanz. Petra Partinger leitet die Mittelschule Lauriacum in Enns. Sie sagte laut einem Bericht der Oberösterreichischen Nachrichten vom 22. Juni 2026: „Jetzt ist es einfacher, weil es nicht mehr unsere Entscheidung ist, sondern diese von der Regierung kommt."
Ihre Schule hatte schon vor dem Gesetz ein Handyverbot. Die Zeitung beschreibt die Bilanz als positiv: Schüler*innen nutzen die Pausen häufiger für gemeinsame Aktivitäten.
Die Oberstufe liegt außerhalb der Regel
Für die Oberstufe existiert bisher keine bundesweite Vorgabe. Ob sich das ändert, steht aktuell zur Debatte. Im Juni 2026 führte das Anton-Proksch-Institut Fokusgruppen zur Evaluierung des geltenden Verbots durch. Laut einer Aussendung von Smartphone Coach stehen strengere Regeln für die Oberstufe im Raum.
Die Aussendung nennt eine Befragung von 1.637 Personen: 920 Erziehungsberechtigte, 113 Lehrkräfte und 604 Schülerinnen. Das Ergebnis fällt überwiegend positiv aus. Zwei Kritikpunkte tauchen auf: zu wenige Ausnahmen für Oberstufenschülerinnen und eine erschwerte Kommunikation zwischen Eltern und Kindern.
Der zweite Punkt kommt dem nahe, was der Minister im März 2025 ansprach. Wer mit 17 nach der Schule zum Zahnarzt, zum Training oder zur Nachhilfe muss, schreibt seinen Eltern sonst eine Nachricht. Bei Schüler*innen der 7. und 8. Klasse ist das Alltag.
Autorin Buhl-Aigner deutet die Daten so: Sie widersprächen der These, Oberstufenschüler*innen bräuchten vor allem Eigenverantwortung statt klarer Regeln.
Was die Forschung sagt
Ob ein Verbot wirkt, beantworten Studien uneinheitlich. Das Deutsche Schulportal fasst den Stand im Juli 2026 zusammen.
In England verbesserten sich nach Handyverboten die Testergebnisse, besonders bei den leistungsschwächsten Schüler*innen. Der Effekt entsprach einer zusätzlichen Unterrichtsstunde pro Woche. Die Daten stammen aus den Jahren 2001 bis 2013.
Ein schwedisches Forschungsteam wies 2019 keinen positiven Effekt nach. Die Forschenden führten das auf den stark digitalisierten Unterricht zurück. In den USA untersuchte das Team um Hunt Allcott rund 5.000 Schulen mit verschließbaren Handybeuteln. Auf Leistungen, Anwesenheit und Aufmerksamkeit fanden sie kaum Auswirkungen.
Für Deutschland zeigt die PISA-Studie 2022 bei 15-Jährigen: 34 Prozent greifen trotz Verbot täglich zum Handy. 40 Prozent nutzen es in der Schule gar nicht.
Und die Jugendlichen selbst? In der Postbank Jugend-Digitalstudie 2025 sprachen sich 56 Prozent der 16- bis 18-Jährigen in Deutschland gegen ein Handyverbot aus, 37 Prozent dafür. Zugleich würden laut Vodafone Stiftung Jugendstudie vom September 2025 56 Prozent der 14- bis 20-Jährigen soziale Medien gern weniger nutzen. Sie schaffen es aber nicht.
Anders gesagt: Mehr als jeder Zweite will weniger scrollen, und mehr als jeder Zweite will sich dabei nichts vorschreiben lassen. Beide Zahlen stammen aus Deutschland. Vergleichbare Umfragen für Wiener Oberstufen liegen nicht vor.
Wer hier zählt
Andrea Buhl-Aigner gründete Smartphone Coach und besuchte nach eigenen Angaben über 100 Schulen in Wien und Niederösterreich. Die Aussendung zum Buch stammt von ihrem eigenen Unternehmen. Das macht die Zahlen nicht falsch. Es erklärt, warum die Aussendung eine klare Empfehlung mitliefert.
Der Spitzenwert von 94 Pings stammt aus einer Klasse an einer Schule. Auch der Durchschnitt von 60 gilt für dieses eine Gymnasium. Wie die 604 befragten Schüler*innen ausgewählt wurden, lässt die Aussendung offen.
Von den Betroffenen kommt in der Aussendung wenig an: Schulleiterinnen und die Coachin sprechen, die Schüler*innen erscheinen als Zahl.
Bruck an der Leitha, 50 Minuten
In Bruck an der Leitha zählten Lehrkräfte 94 Pings, dann läutete es zur Pause. Wie hoch wäre der Wert in deiner Klasse?
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