Es ist die Woche vor der großen Schularbeit. In der Klasse reden alle über denselben Stoff, dieselben Formeln, dieselbe Angst vor der Note. Doch am Nachmittag trennen sich die Wege. Ein Teil der Klasse fährt zu einer bezahlten Nachhilfe oder in ein Lerninstitut, wo jemand geduldig alles noch einmal erklärt. Ein anderer Teil sitzt zu Hause am Küchentisch, allein oder mit Eltern, die den Stoff oft selbst nicht mehr können oder kaum Zeit dafür haben.
Nachhilfe ist längst normal
Dass Nachhilfe kein Einzelfall mehr ist, zeigt der neue Nachhilfebarometer der Arbeiterkammer. Laut der Studie, die im August 2026 vorgestellt wurde, bekommen 338.000 Kinder und Jugendliche Nachhilfe, das sind 32 Prozent aller Schülerinnen und Schüler. Und es beginnt früh: Schon fast jedes vierte Volksschulkind braucht Unterstützung. Das mit Abstand wichtigste Fach ist dabei Mathematik, gefolgt von Deutsch und den Fremdsprachen. „Nachhilfe ist in Österreich Normalität geworden", sagt Ilkim Erdost, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer Wien. Was eigentlich die Ausnahme sein sollte, ist für viele Familien zum festen Teil des Schuljahres geworden.
Was das kostet
Und dieser feste Teil ist teuer. Im Schnitt geben Familien 720 Euro pro Kind und Jahr für bezahlte Nachhilfe aus. Österreichweit summiert sich das auf 144 Millionen Euro. Bei uns in Oberösterreich hatte laut der AK Oberösterreich im vergangenen Schuljahr fast jedes fünfte Kind bezahlte Nachhilfe, im Schnitt für 810 Euro pro Kind. Für rund die Hälfte der Eltern ist das eine spürbare finanzielle Belastung. 810 Euro klingen abstrakt, aber für viele Familien sind das die Urlaubskasse, die neue Winterjacke oder schlicht Geld, das am Monatsende fehlt. Und wer es nicht hat, muss es trotzdem irgendwie stemmen, wenn das Kind nicht zurückfallen soll.
Was eine Lehrerin im Unterricht merkt
Wie sehr das den Schulalltag prägt, sieht man dort am besten, wo unterrichtet wird. „Man merkt schon, dass Nachhilfe für manche Familien einfach leichter leistbar ist als für andere. Gerade wenn ein Kind länger Schwierigkeiten in Mathe hat, kann regelmäßige Nachhilfe natürlich einen Unterschied machen", sagt Ingrid Wasserburger, Mathematiklehrerin an einem Wiener Gymnasium. Ein Selbstläufer sei bezahlte Hilfe aber nicht. „Ich würde nicht sagen, dass automatisch jedes Kind mit Nachhilfe besser ist. Es kommt auch darauf an, wie viel Zeit jemand zuhause zum Lernen hat und wie regelmäßig man übt", sagt sie.
Dass der Druck steigt, spürt sie deutlich. „Ich hab schon das Gefühl, dass das Thema in den letzten Jahren wichtiger geworden ist. Viele Eltern wollen einfach nichts riskieren, gerade vor Schularbeiten oder wenn es Richtung Matura geht", sagt Wasserburger.
Wenn Noten vom Geldbörsel abhängen
Genau hier wird aus einem Kostenthema eine Frage der Gerechtigkeit. Wenn bessere Noten davon abhängen, ob die Eltern eine Nachhilfe zahlen können, dann starten nicht alle Kinder mit den gleichen Chancen. Die Zahlen bestätigen das Gefühl vieler: Kinder aus einkommensstärkeren Familien haben im Schnitt bessere Noten, einfach weil sie sich mehr Unterstützung leisten können. Laut der Studie bekamen sechs Prozent der Kinder trotz Bedarf gar keine bezahlte Nachhilfe, weil das Geld fehlte. Manche steigen deshalb sogar aus dem Gymnasium aus. „Bildungschancen dürfen nicht vom Geldbörsel der Eltern abhängen", sagt Günther Goach, Präsident der Arbeiterkammer Kärnten. Doch genau danach sieht es im Moment aus.
Nicht nur eine Frage des Geldes
Dabei kostet Nachhilfe nicht nur Geld, sondern auch Nerven. In vielen Familien übernehmen die Eltern das Lernen selbst, weil eine bezahlte Nachhilfe zu teuer ist. Drei Viertel der Kinder lernen laut Studie fast täglich mit ihren Eltern. Das klingt schön, ist im Alltag aber oft anstrengend. Rund 40 Prozent der Eltern fühlen sich dadurch zeitlich stark belastet, und mehr als ein Drittel sagt, dass das gemeinsame Lernen regelmäßig zu Streit und Ärger führt. Der Küchentisch am Nachmittag wird so für viele zum Schauplatz von Tränen und schlechter Stimmung, auf beiden Seiten.
Was helfen könnte
Ganz machtlos ist man dem aber nicht ausgeliefert. Die Arbeiterkammer fordert mehr kostenlose Unterstützung direkt in der Schule, etwa durch ganztägige Angebote und gezielte Förderung, damit Lernen nicht ins teure Wohnzimmer ausgelagert wird. Auch einen sogenannten Chancenbonus für ärmere Familien gibt es bereits, er müsste aus Sicht der AK aber deutlich größer werden. Und schon heute gibt es Wege, die nichts kosten: den kostenlosen Förderunterricht an vielen Schulen, Lernhilfe-Projekte von Vereinen, oder ältere Schülerinnen und Schüler, die Jüngeren helfen. Auch Mathematiklehrerin Ingrid Wasserburger rät, zuerst in der Schule zu schauen. „Mitschüler, Lerngruppen oder zusätzliche Übungsangebote können schon helfen. Wichtig ist, dass man nicht erst wartet, bis sich die Probleme über Monate aufbauen", sagt sie. Wer Nachhilfe braucht, sollte also zuerst dort nachfragen, bevor teure Institute die einzige Option zu sein scheinen.
Zurück an den Küchentisch
Und so sitzt auch vor der nächsten Schularbeit wieder ein Teil der Klasse im Lerninstitut und ein anderer allein am Küchentisch. Am Ende schreiben sie dieselbe Arbeit, bekommen dieselben Punkte oder eben nicht. Vielleicht ist das die eigentliche Frage hinter all den Zahlen. Nicht, wer besser rechnen kann, sondern wer sich die bessere Note leisten kann. Und ob eine Schule, die für alle gleich sein soll, das wirklich zulassen darf.
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