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70, 71, 72, 73 – Sekunden, die Leben verändern

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Volontärin · Don Bosco Schulen Vöcklabruck, HLW & BAfEP
11.02.2026
3 Min.

Alle 73 Sekunden wird irgendwo eine Frau Opfer sexualisierter Gewalt. Doch Gewalt beginnt nicht erst mit der Tat. Sie beginnt im Alltag, in scheinbar harmlosen Momenten, in Worten und Blicken, die Grenzen verschieben. Dieser Text erzählt von Zahlen, die erschrecken, von persönlichen Erfahrungen und von der Frage, warum Sprache darüber entscheidet, ob Gewalt unsichtbar bleibt oder endlich benannt wird.

Das Bild symbolisiert die Sprachlosigkeit und Ohnmacht, über die viele Betroffene sexualisierter Gewalt berichten. (Foto: HERGET, WOLFGANG )

Sekunden im Alltag

Auf einem Bildschirm läuft ein Timer. Die Sekunden springen. Jede Zahl steht für ein Leben, das sich im nächsten Moment unwiderruflich verändert. Der Timer läuft bis zur 73. Sekunde.

Ein Bild entsteht. Irgendwo hält eine Frau den Atem an. Etwas geschieht, das sie vielleicht nie erzählen will. Der Raum bleibt still.

Diese Sekunden liegen nah an der Realität. Sie entstehen im Alltag. Oft leise. Oft unbeobachtet. Viele Frauen kennen diese Situationen. Der Schlüssel zwischen den Fingern. Der prüfende Blick über die Schulter. Das Abwägen jeder Bewegung. Angst wächst in kleinen Momenten. Sie bleibt selten dort stehen.

Expert*innen nennen die Zahl 73 häufig im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt. Laut RAINN, dem Rape Abuse and Incest National Network, wird in den USA alle 73 Sekunden eine Frau vergewaltigt. Die Zahl funktioniert als Symbol für ein Ausmaß, das sich sonst kaum fassen lässt. Für Österreich lässt sich diese Zeitspanne nicht konkret belegen. Fest steht dennoch, sexualisierte Gewalt ist kein Einzelfall. Viele Opfer zeigen die Täter nie an.

Klaudia Frieben vom Österreichischen Frauenring spricht von einer Gewaltspirale, die lange vor einer strafbaren Tat beginnt. „Gewalt beginnt oft in der Sprache“, sagt sie. Abwertung, Kontrolle, soziale Isolation verletzen Frauen, bevor sich Gewalt sichtbar zeigt. Vieles bleibt unsichtbar. Vieles bleibt ohne Konsequenzen.

Ein warmer Sommertag, der sich einbrannte

Ich erinnere mich an einen warmen Sommertag auf einem Stadtplatz. Eine Freundin und ich saßen am Brunnen, Bücher auf den Knien, Bikini unter den Sommeroutfits. Wir warteten auf eine Freundin, mit der wir einen Seetag geplant hatten. Ein älterer Mann im silbernen VW Golf parkte in unserer Nähe. Grauer Bart. Sonnenbrille. Fenster offen. Er grinste. Wir lasen weiter.

Dann ging alles schnell. Sein Arm bewegte sich rhythmisch auf und ab. Sekunden vergingen, bis sich das Bild zusammensetzte. „Der befriedigt sich gerade selbst“, schrie meine Freundin. Panik. Wir sprangen auf, hielten die Bücher vor die Gesichter. Überforderung legte sich wie ein Gewicht auf meinen Körper. Der Wagen raste davon. Kein Kennzeichen. Kein Wort. Kein Beweis.

Warum viele Betroffene schweigen, erklärt Frieben mit dem Zustand nach Übergriffen. „Frauen stehen oft unter Schock und benötigen Zeit, um zu realisieren, was passiert ist“, sagt sie. Scham verstärkt dieses Schweigen. Unwissen über ihre Rechte ebenso.

Die Schuld wandert dabei häufig in die falsche Richtung. Frauen erklären Kleidung, Verhalten, Aufenthaltsort. Täter verschwinden aus dem Fokus. Medien verstärken diesen Blick, wenn sie Formulierungen wählen, die Verantwortung verwischen.

Gewalt hat einen Namen

Klaudia Frieben widerspricht entschieden, wenn Berichte Gewalt verharmlosen. „Es ist kein Beziehungsdrama. Es ist Mord“, sagt sie. „Mord bleibt Mord. Ein Femizid bleibt ein Hassverbrechen.“ Sprache verschiebt Verantwortung und prägt Wahrnehmung. Viele Frauen entwickeln deshalb Strategien, um sich sicherer zu fühlen. Sie hören genauer hin. Sie ändern Wege. Vorsicht begleitet jeden Schritt. Die größte statistische Gefahr tödlicher Gewalt geht häufig vom nahen sozialen Umfeld aus. Nähe gerät zum Risiko.

Der Blick fällt erneut auf den Timer. Die Sekunden laufen weiter. Irgendwo beginnt gerade eine Gewaltspirale. Vielleicht in einem beiläufigen Satz. Vielleicht in einem Auto mit offenem Fenster. Vielleicht in einer Grenzüberschreitung, die niemand benennt.

Die 73. Sekunde ist wieder erreicht. Der Stich fühlt sich an wie am Anfang. Doch dieses Mal bleibt er nicht stumm. Friebens Satz klingt nach. „Mord ist Mord. Ein Femizid bleibt ein Hassverbrechen.“

Vielleicht liegt genau darin die Kraft der Worte. Manche verdecken Gewalt. Andere machen sie sichtbar. Und vielleicht findet irgendwo genau in diesem Moment eine Frau den Mut zu sprechen, bevor die nächste 73. Sekunde verstreicht.



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