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65 Milliarden Barrel Öl: Ist der Deal zwischen Trump und Venezuela fair?

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
29.08.2026
7 Min.

Die USA und Venezuela haben ein Ölgeschäft in bisher kaum vorstellbarer Größe verkündet. Washington soll die Mehrheitskontrolle über Felder mit 65 Milliarden Barrel erhalten. Drei 17-Jährige diskutieren, wem Bodenschätze gehören und wie freiwillig ein Vertrag nach einem Militäreinsatz sein kann.

Trump hat ein weitreichendes Abkommen über venezolanische Ölvorkommen verkündet. Gerechtigkeit sieht anders aus. (Foto: shutterstock)

Johannes ist 17, besucht eine AHS und ist mein Freund. Als er zum ersten Mal von dem geplanten Ölgeschäft zwischen den USA und Venezuela hört, denkt er vor allem an die wirtschaftlichen Chancen. 100 Milliarden Dollar an privaten Investitionen, neue Arbeitsplätze und hohe Steuereinnahmen könnten Venezuela helfen, sagt er. Er würde das Abkommen deshalb nicht sofort als Ausbeutung bezeichnen.

Dann kommt eine zweite Frage: Kann ein Vertrag als freiwillig gelten, wenn die USA wenige Monate zuvor Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro bei einem Militäreinsatz gefangen genommen und außer Landes gebracht haben?

Johannes verändert seine Einschätzung. „Dann wird es deutlich problematischer“, sagt er. „Ein Vertrag kann wirtschaftlich gut sein und trotzdem unter politischen Umständen entstanden sein, die man kritisch sehen muss.“

Genau diese Spannung steckt in dem Abkommen, das US-Präsident Donald Trump und Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez am Freitag verkündet haben. Beide Regierungen stellen es als historischen wirtschaftlichen Erfolg dar. Wichtige Bedingungen sind bisher jedoch nicht öffentlich bekannt.

Größer als alle nachgewiesenen US-Reserven

Trump bezeichnet das Abkommen als den größten Öldeal der Weltgeschichte. Nach seinen Angaben erhalten die USA über eine Partnerschaft mit privaten Unternehmen die Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel nachgewiesener venezolanischer Ölreserven. US-Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern sollen dadurch keine Kosten entstehen.

Rodríguez spricht von 17 strategisch wichtigen Ölfeldern mit einem Potenzial von 65 Milliarden Barrel. Das Projekt soll laut ihrer Regierung private Investitionen von über 100 Milliarden Dollar anziehen und Venezuela langfristig über 209 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen bringen.

Die Größenordnung wird erst im Vergleich verständlich. Venezuela verfügt laut US-Energiebehörde und OPEC über rund 303 Milliarden Barrel nachgewiesene Rohölreserven. Die nun genannten 65 Milliarden entsprechen ungefähr einem Fünftel davon.

Die USA verfügten Ende 2024 selbst über rund 46 Milliarden Barrel nachgewiesene Rohölreserven. Die venezolanischen Felder, um die es im Abkommen geht, enthalten rechnerisch also deutlich mehr Öl als alle damals nachgewiesenen Reserven auf US-Gebiet.

Dabei dürfen nachgewiesene Ölreserven nicht mit der strategischen Ölreserve der USA verwechselt werden. Die strategische Reserve besteht aus bereits gefördertem und eingelagertem Rohöl für Krisen. Nachgewiesene Reserven liegen dagegen noch im Boden und gelten unter bestimmten wirtschaftlichen und technischen Bedingungen als förderbar.

Die 65 Milliarden Barrel werden deshalb nicht sofort in amerikanische Tanks oder Raffinerien fließen. Für ihre Förderung braucht es funktionierende Anlagen, Pipelines, Fachkräfte und Unternehmen, die Milliarden investieren. Venezuelas Ölindustrie leidet unter jahrelanger Misswirtschaft, Sanktionen, fehlenden Investitionen und schlechter Infrastruktur.

Was bedeutet „Kontrolle“?

Trump spricht von einer amerikanischen Mehrheitskontrolle. Rodríguez beschreibt die Entwicklung von Ölfeldern mit privaten Unternehmen. Ob die USA Eigentum an den Reserven erhalten, langfristige Förderrechte kontrollieren oder über eine gemeinsame Gesellschaft Einfluss nehmen, bleibt ohne den vollständigen Vertrag offen.

Auch die genannten Geldbeträge erklären die Verteilung noch nicht. Die angekündigten 100 Milliarden Dollar sind private Investitionen. Sie werden für Anlagen, Förderung und Infrastruktur benötigt und sind keine direkte Zahlung an die venezolanische Bevölkerung. Ebenso ist unklar, über welchen Zeitraum die angekündigten 209 Milliarden Dollar Steuereinnahmen entstehen sollen und auf welchen Ölpreisen sowie Fördermengen diese Berechnung beruht.

Elias, ebenfalls 17, will sich deshalb noch nicht endgültig festlegen. „Nur mit den beiden Zahlen kann ich nicht beurteilen, ob der Deal fair ist“, sagt er. „Man müsste wissen, wem später die Gewinne gehören und wie lange der Vertrag läuft.“

Für ihn klingt das Abkommen zugleich nach wirtschaftlicher Partnerschaft und Machtpolitik. Venezuela brauche Investitionen und könne von seinen Reserven profitieren. Von einem normalen Geschäft zwischen zwei gleich starken Staaten würde er aber nicht sprechen.

Am wichtigsten ist für Elias der Vertrag selbst: „Wir diskutieren sonst darüber, ob etwas fair ist, obwohl wir die Bedingungen noch gar nicht vollständig kennen.“

Das Öl gehört rechtlich Venezuela

Die venezolanische Verfassung behandelt Öl nicht wie gewöhnliches Privateigentum. Vorkommen von Kohlenwasserstoffen im Staatsgebiet gehören der Republik. Die Erdölindustrie besitzt strategische Bedeutung, und der Staat behält die Kontrolle über den staatlichen Ölkonzern PDVSA. Tochterunternehmen und gemeinsame Projekte mit privaten Partnern sind allerdings möglich.

Für die Nutzung natürlicher Ressourcen können zeitlich begrenzte Konzessionen vergeben werden. Der Staat muss dabei laut Verfassung eine angemessene Gegenleistung im öffentlichen Interesse sicherstellen. Verträge von nationalem öffentlichen Interesse mit ausländischen Staaten oder Unternehmen, die nicht in Venezuela ansässig sind, benötigen grundsätzlich die Zustimmung der Nationalversammlung.

Ob und wie diese Vorschriften auf das neu verkündete Abkommen angewendet wurden, lässt sich ohne Vertragstext nicht abschließend prüfen. Rodríguez hatte Venezuelas Ölsektor bereits im Jänner 2026 stärker für private Unternehmen geöffnet. Die entsprechende Reform wurde von der Nationalversammlung beschlossen.

Für Johannes reicht bei einem Geschäft mit derart langfristigen Folgen trotzdem keine Entscheidung einer Übergangsregierung. Auch Elias fordert die Zustimmung des Parlaments und kann sich bei besonders langfristigen Rechten eine Abstimmung der Bevölkerung vorstellen.

Alex beurteilt das Abkommen von Beginn an skeptischer. „Wenn ein mächtiger Staat Mehrheitskontrolle über einen wichtigen Rohstoff eines anderen Landes bekommt, muss man sehr genau schauen, unter welchen Umständen das passiert.“

Ein Vertrag nach einem Militäreinsatz

Diese Umstände sind außergewöhnlich. Im Jänner nahmen US-Soldaten Nicolás Maduro bei einem Einsatz in Caracas gefangen und brachten ihn in die Vereinigten Staaten. Dort sitzt er in Haft und soll sich wegen des Vorwurfs des Drogenterrorismus vor Gericht verantworten. Eine Verurteilung liegt nicht vor, es gilt die Unschuldsvermutung.

Seine frühere Stellvertreterin Rodríguez übernahm anschließend als Übergangspräsidentin die Führung. Seitdem öffnet ihre Regierung die venezolanische Ölindustrie stärker für ausländische Investoren. Gleichzeitig übte Washington Druck auf Caracas aus, amerikanischen Unternehmen Zugang zu den Reserven zu ermöglichen.

Für Alex verändert diese Vorgeschichte die Bewertung des Abkommens entscheidend. „Dann reicht es nicht zu sagen, die aktuelle Regierung habe zugestimmt“, sagt er. „Man muss fragen, wie frei diese Entscheidung tatsächlich war.“

Damit ist noch nicht bewiesen, dass Venezuela rechtlich zum Abschluss des Vertrags gezwungen wurde. Die zeitliche Abfolge und das deutliche Machtgefälle werfen jedoch Fragen auf. Ein wirtschaftlich vorteilhafter Vertrag kann trotzdem unter politischem Druck entstanden sein.

Arbeitsplätze machen einen Vertrag nicht automatisch fair

Alle drei Jugendlichen erkennen mögliche Vorteile für Venezuela. Milliardeninvestitionen könnten marode Anlagen erneuern, die Förderung erhöhen und Arbeitsplätze schaffen. Zusätzliche Staatseinnahmen könnten Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur finanzieren.

Ob dieses Geld tatsächlich bei der Bevölkerung ankommt, hängt von den Vertragsbedingungen, staatlicher Kontrolle und der Verwendung der Einnahmen ab. Venezuela verfügt seit Jahrzehnten über enorme Ölreserven. Der Rohstoffreichtum hat das Land trotzdem nicht vor Wirtschaftskrise, Korruption und Armut geschützt.

„Arbeitsplätze und Einnahmen sind ein Argument dafür“, sagt Alex. „Trotzdem kann ein wirtschaftlich nützlicher Vertrag politisch problematisch sein.“

Johannes gewichtet die Chancen stärker. Für ihn wäre entscheidend, wie viele Arbeitsplätze entstehen, wie die Einnahmen verteilt werden und welche Kontrolle Venezuela behält. „100 Milliarden Investitionen klingen riesig, sagen allein aber noch nicht, wer am Ende am meisten verdient.“

Niedrigere Preise bleiben ein Versprechen

Trump verspricht den Menschen in den USA langfristig niedrigere Treibstoffpreise. Zusätzliches Angebot kann den Ölpreis grundsätzlich beeinflussen. Die Weltmarktpreise hängen jedoch von vielen Faktoren ab: weltweiter Nachfrage, Förderentscheidungen anderer Ölstaaten, Kriegen, Transportwegen, Raffineriekapazitäten und der Geschwindigkeit, mit der Venezuela seine Produktion steigern kann.

Ein verkündetes Förderrecht senkt deshalb nicht automatisch den Preis an der Tankstelle. Bis aus bisher wenig erschlossenen Feldern große Mengen Öl fließen, können Jahre vergehen.

Elias hält langfristige Auswirkungen für möglich, erwartet aber keine sofortige Verbilligung. Alex will zuerst sehen, ob Trumps Versprechen wirtschaftlich eintritt. Johannes kann sich einen Preiseffekt vorstellen, zweifelt aber an der angekündigten Größenordnung.

Für uns in Österreich bedeutet das Abkommen keine direkte amerikanische Spritpreissenkung. Ein deutlich größeres Ölangebot könnte langfristig den Weltmarkt beeinflussen und damit indirekt auch europäische Preise. Wie stark dieser Effekt ausfällt, ist derzeit nicht seriös vorherzusagen.

65 Milliarden Barrel und das Klima

Das Projekt besitzt neben der politischen und wirtschaftlichen auch eine klimapolitische Dimension. Die Internationale Energieagentur kommt in ihrem Szenario für weltweite Klimaneutralität bis 2050 zu dem Ergebnis, dass keine neuen langfristigen konventionellen Öl- und Gasprojekte benötigt werden. Neue Projekte können Emissionen über Jahrzehnte festschreiben und wirtschaftlich riskant werden, wenn die Ölnachfrage stark sinkt.

Alex sieht darin einen klaren Widerspruch: „Neue riesige Ölförderung steht für mich im Konflikt mit dem Ziel, fossile Energien zurückzufahren.“

Auch Johannes erkennt diesen Gegensatz. Ein Projekt könne wirtschaftlich sinnvoll erscheinen und klimapolitisch trotzdem in die falsche Richtung führen. Elias meint ebenfalls, die Erschließung neuer riesiger Ölmengen passe schwer zu internationalen Klimazielen.

Gerade für unsere Zukunft ist diese Frage entscheidend. Das Öl verspricht heute Investitionen, Arbeitsplätze und möglicherweise niedrigere Preise. Wird es über Jahrzehnte gefördert und verbrannt, entstehen gleichzeitig weitere Treibhausgasemissionen.

Der Vertrag, den noch niemand vollständig kennt

Die Gespräche mit Elias, Alex und Johannes sind keine repräsentative Untersuchung. Sie zeigen aber, wie sich die Bewertung verändert, sobald aus zwei riesigen Zahlen konkrete Fragen werden.

Alex sieht vor allem das Machtgefälle und fordert klare Grenzen für ausländische Kontrolle. Elias erkennt wirtschaftliche Chancen, will aber zuerst Vertragsdauer, Gewinnverteilung und Ausstiegsmöglichkeiten kennen. Johannes bewertet die Investitionen zunächst positiv und wird durch die Frage nach dem vorangegangenen Militäreinsatz skeptischer.

Alle drei kommen an demselben Punkt an: 65 Milliarden Barrel und 100 Milliarden Dollar reichen nicht aus, um die Fairness des Abkommens zu beurteilen. Entscheidend ist, wer über die Förderung bestimmt, wohin die Gewinne fließen, welche Rechte Venezuela behält und ob das Land später neu verhandeln oder aussteigen kann.

Johannes nennt den Deal weiterhin eine mögliche wirtschaftliche Chance. Sein Zusatz ist nach der zweiten Frage jedoch entscheidend: Gute Zahlen allein machen die politischen Umstände nicht unproblematisch.

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