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646 Hitzetote, ein Antrag, keine Mehrheit: Der Klima-Streit im Nationalrat

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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14.09.2026
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POLITIK CHECK. In dieser Kolumne erkläre ich euch regelmäßig die wichtigsten innen- und außenpolitischen Themen einfach und verständlich. Heute geht es um die Hitzewelle, die uns im Sommer zu schaffen machte und um die Frage, was die Regierung gegen die Folgen des Klimawandels tun will.

Sondersitzung im Nationalrat: Nach dem heißesten Sommer der Messgeschichte fordern die Grünen ein verbindliches Klimaschutzgesetz. (Foto: shutterstock)

Letzter Schultag vor den Sommerferien, neun Uhr vormittags, 29 Grad im Klassenzimmer. Die Fenster stehen offen, aber es bringt nichts: Draußen ist es noch heißer als drinnen. Jemand hat einen Ventilator von zu Hause mitgebracht, doch der schiebt nur die warme Luft im Kreis. Die Lehrerin gibt auf, wir bekommen die letzte Stunde frei. Ich denke mir damals noch: ein guter Ferienstart. Wenige Wochen später weiß ich: Dieser Vormittag war erst der Anfang. Am 5. August werden in Bad Deutsch-Altenburg in Niederösterreich 41,2 Grad gemessen – die höchste Temperatur, die in Österreich je registriert wurde. Und heute, am 14. September, sitzt deshalb der Nationalrat zu einer Sondersitzung zusammen. Titel der Debatte: „Hitze, Dürre, Feuer – wie schützen Sie die Menschen, Herr Bundeskanzler?“

Der heißeste Sommer seit 1858

Was hinter uns liegt, war laut GeoSphere Austria der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 168 Jahren. Die Lufttemperatur lag österreichweit um 2,6 Grad über dem Klimamittel der Jahre 1991 bis 2020. Sechsmal kletterte das Thermometer heuer auf mindestens 40 Grad, an mehr als hundert Messstationen wurden neue Rekorde verzeichnet. Dazu kam eine Dürre: Österreich zählt 2026 zu den fünf trockensten Sommern seiner Messgeschichte. In den ersten acht Monaten des Jahres fiel so wenig Regen wie noch nie seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen.

Zahlen wie „2,6 Grad über dem Mittel“ klingen abstrakt, solange man sie nicht mit einer konkreten Folge verbindet. Eine davon hat einen Namen: Übersterblichkeit. Laut einer Modellrechnung der AGES starben in Österreich allein im Juni und Juli 646 Menschen an den Folgen der Hitze – so viele wie in diesem Zeitraum noch nie. Rechnerisch bedeutet das mehr als zehn hitzebedingte Todesfälle pro Tag, zwei Monate lang. Zum Vergleich: Im bisherigen Rekordsommer 2024 waren es bis Ende Juli 570. Sieben von zehn Spitälern, Pflege- und Seniorenheimen in Österreich waren heuer mindestens 20 Hitzetage lang im Ausnahmebetrieb, ein Viertel sogar mehr als 30 Tage.

Warum das auch Schulen betrifft

Dass Hitze für Kinder und Jugendliche keine Nebensache ist, sondern ein handfestes Problem für Gesundheit und Lernen, erklärte die Umweltmedizinerin Daniela Haluza von der Medizinischen Universität Wien bei einem Pressegespräch so: „Junge Menschen reagieren besonders empfindlich auf Hitzebelastung, weil sie schneller Flüssigkeit verlieren und ihr Körper schlechter abkühlt im Vergleich zu Erwachsenen. Hitze in Schulen ist daher kein Komfortproblem, sondern ein evidenzbasiertes Gesundheits- und Bildungsrisiko.“ Dazu kommt, dass viele Jugendliche wegen warmer Nächte schlechter schlafen und übermüdet in den Unterricht kommen. Klimaanlagen gibt es in den wenigsten heimischen Klassenzimmern – in meiner Schule jedenfalls nicht.

Die Grünen holen die Regierung zurück ins Parlament

Genau an diesem Punkt setzen die Grünen an. Weil ihnen die parlamentarische Sommerpause zu lang war, haben sie eine Sondersitzung erzwungen, die heute um neun Uhr beginnt. Klubobfrau Leonore Gewessler wirft der Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS vor, im Hitzesommer untätig geblieben zu sein: „ÖVP, SPÖ und NEOS bringen nicht einmal ein zahnloses Klimagesetz zustande. Die versprochenen Hitzeschutzmaßnahmen fehlen vollständig.“ Besonders scharf richtet sie sich an Bundeskanzler Christian Stocker, der bei der Debatte voraussichtlich fehlen und sich von Staatssekretär Alexander Pröll (beide ÖVP) vertreten lassen wird: „Für Ihre Untätigkeit zahlen die Kinder.“

Um zwölf Uhr wollen die Grünen einen Dringlichen Antrag einbringen, der drei Forderungen bündelt: ein verbindliches Ziel im Klimaschutzgesetz samt Ausstieg aus fossiler Energie, ein Wasserentnahmeregister gegen die Dürre und konkrete Hitzeschutzmaßnahmen für den nächsten Sommer. Ihren zentralen Vorwurf fasst die Partei so zusammen: „Wer sich ein Haus am See leisten kann, kommt gut durch den Sommer. Alle anderen schwitzen in der Wohnung, auf der Baustelle, am Feld – und zahlen am Ende auch noch für die Folgeschäden.“

Was die Regierung entgegenhält

Die Koalition sieht sich damit nicht zum ersten Mal konfrontiert. Seit fast fünf Jahren ringt Österreich um ein neues Klimaschutzgesetz, nachdem das alte ausgelaufen ist. Landwirtschafts- und Umweltminister Norbert Totschnig (ÖVP) hatte den Entwurf so begründet: „Es baut auf den drei Säulen Klimaschutz, Klimawandelanpassung und Kreislaufwirtschaft auf. Es geht darum, die Arbeitsweise und die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in ein Gesetz zu gießen.“ Mittlerweile haben sich ÖVP, SPÖ und NEOS grundsätzlich auf das Gesetz geeinigt: Österreich soll bis 2040 klimaneutral werden, ein konkreter Klimafahrplan mit Zwischenzielen soll bis Ende 2027 folgen. SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr bezeichnete das Zieljahr als ambitioniert.

Was im Entwurf allerdings fehlt, sind eigene Sanktionen bei Zielverfehlung. Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) verwies stattdessen auf jene Strafzahlungen, die Österreich ohnehin an die EU zahlen müsste, sollte es deren Klimaziele verpassen. Für Umweltorganisationen und die Opposition ist genau das der wunde Punkt: Ohne innerstaatliche Konsequenzen, so ihre Kritik, bleibe ein Gesetz zahnlos – ganz gleich, wie ambitioniert das Zieljahr klingt.

Was das für uns heißt

Ob der Antrag der Grünen heute eine Mehrheit findet, ist so gut wie ausgeschlossen, dafür fehlen ihnen als Oppositionspartei die Stimmen im Nationalrat. Trotzdem ist die Sondersitzung mehr als reines Schaulaufen vor der Kamera: Sie zwingt die Koalition, sich öffentlich zu positionieren, kurz bevor der eigentliche Gesetzesentwurf in die Begutachtung geht. Und sie zeigt, wie weit die Vorstellungen darüber auseinanderliegen, was aus diesem Rekordsommer folgen soll: ein Fahrplan mit Zwischenzielen und dem Verweis auf EU-Regeln – oder ein Gesetz mit eigenen, spürbaren Konsequenzen für die Republik selbst.

Für mich bleibt vor allem eine Frage aus jenem verschwitzten letzten Schultag hängen: Werden wir in fünf Jahren auf eine Sondersitzung wie diese zurückblicken – als den Moment, in dem sich etwas geändert hat? Oder auf den x-ten Vormittag, an dem geredet, aber nichts beschlossen wurde?

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