62 von 100 Punkten: So bewertet die Fitbit-App meine Nacht. Wie sinnvoll ist das eigentlich?

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Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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01.10.2026
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Jeden Morgen bekomme ich eine Note für meine Nacht. Meine Fitbit zählt Bewegung und Puls, rechnet daraus einen Sleep Score und sagt mir, wie gut ich geschlafen habe. Doch je öfter ich auf die Zahl schaue, desto mehr frage ich mich: Vertraue ich eigentlich noch meinem eigenen Gefühl?

Lasst ihr euch auch von einer Zahl sagen, wie gut oder schlecht ihr geschlafen habt? (Foto: shutterstock)

62. Das ist die Zahl, mit der mein Tag heute beginnt. Noch bevor ich aufstehe, nehme ich das Handy und schaue in die Fitbit-App. 62 von 100 Punkten. Naja. Ich starre kurz darauf. Habe ich schlecht geschlafen? Eigentlich nicht. Ich fühle mich jedenfalls nicht so. Trotzdem ist die Zahl jetzt da. Und plötzlich frage ich mich, ob ich müder bin, als ich dachte.

Beim Frühstück ist sie noch immer da, diese magische Zahl. Später, als ich im Unterricht kurz gähne, fällt sie mir wieder ein. Vielleicht stimmt die App ja doch, denke ich mir.

Irgendwie ist das alles ziemlich seltsam. Seit einigen Monaten trage ich ein Fitbit Air. Das Band hat nicht mal ein Display. Meine Nacht sehe ich erst in der App, die sie in einem Wert zusammenfasst: dem Sleep Score. Am Anfang fand ich das spannend. Inzwischen schaue ich morgens oft auf die Note, bevor ich weiß, wie ich mich fühle.

Alle messen mit

Damit bin ich nicht allein. In Österreich nutzen laut dem HV Consumer Check des Handelsverbands 51 Prozent Wearables oder Apps für ihre Gesundheit. Befragt wurden im August 2026 gut 1.000 Menschen. Schon 2022 meldete der Austrian Health Report, fast die Hälfte nutze Tracker oder Smartwatches.

Auch der Schlaf ist ein Thema. Eine Online-Umfrage der Uni Salzburg nannte bei 45,8 Prozent von 986 Befragten Schlafprobleme. In Deutschland nutzen laut Bitkom 36 Prozent der Menschen privat oder beruflich eine Smartwatch. Dort sagen außerdem 40 Prozent, detaillierte Daten über den eigenen Körper setzten sie unter Druck.

Valide Schätzungen

Im Schlaflabor messen Elektroden die Hirnströme. Das gilt als Maßstab. Mein Tracker hat keine. Viele Geräte erfassen vor allem Bewegung und den Puls und schätzen daraus, wann ich schlafe. Der Schlafmediziner Hans-Günter Weeß sagte im Juni 2026, es gehe eher um Schätzungen als um Messungen.

Wie gut diese Schätzungen sind, prüfte 2021 ein US-Team um Evan Chinoy. 34 gesunde junge Erwachsene schliefen drei Nächte im Labor und trugen verschiedene Tracker. Schlaf erkannten die Geräte in mindestens 93 von 100 Fällen. Wachphasen erkannten sie nur in 18 bis 54 von 100 Fällen. Wer nachts wach liegt, zählt also leicht als schlafend.

Bei den Schlafphasen waren die Ergebnisse uneinheitlich. In schlechten Nächten lagen die Geräte außerdem häufiger daneben. Je unruhiger die Nacht, desto wackeliger die Zahl. Mein Fitbit Air ist noch neu, und eine Laborstudie zu genau diesem Modell habe ich nicht gefunden.

Wenn die Zahl nervt

Eine Schätzung kann trotzdem Gewicht bekommen. Die Forscherin Kelly Glazer Baron und ihr Team beschrieben 2017 Menschen, die sich an den Werten ihres Trackers festbissen. Sie nannten das Orthosomnie. Der Name erinnert an Orthorexie, die ungesunde Fixierung auf gesundes Essen.

Wie häufig das ist, erfragte 2024 eine Umfrage unter 523 Erwachsenen. Je nach Strenge der Kriterien passte bei 3 bis 14 Prozent das Muster. Das ist ein Hinweis, kein Beweis. Die Studie kann nicht klären, ob der Tracker die Sorgen auslöst. Die Befragten waren zudem im Mittel 21 Jahre alt und zu 81 Prozent Frauen.

Auch ich merke, wie schnell eine Zahl Gewicht bekommt. Ist der Sleep Score niedrig, fühle ich mich gleich müder, obwohl ich mich vorher ganz gut fand. Dabei zeigt die Zahl nur, was ein Programm aus Bewegung und Puls schätzt.

Forschende der Universität Oxford fanden heraus: Wer hörte, sein Schlaf sei schlecht gewesen, war abends müder und weniger aufmerksam. Bei gesunden Schläfern änderte eine erfundene Note in einer kleinen Pilotstudie dagegen nichts. Wer sich viel mit dem eigenen Schlaf beschäftigt, wird aber angespannter.

Und die 62?

Muss der Tracker also in die Schublade? Nicht unbedingt. Schlafforscher Weeß sieht auch einen Vorteil, denn die Geräte würden zeigen, wie wichtig Schlaf sei. Eine Diagnose ersetzen sie aber nicht. Die amerikanische Fachgesellschaft für Schlafmedizin sagte schon 2018, Geräte für Verbraucher könnten Schlafstörungen derzeit nicht diagnostizieren.

Ist der Tag mit einer 62 also schon gelaufen? Nein. Die Zahl ist eine Schätzung aus Bewegung und Puls, ohne Blick ins Gehirn. Ob ich ausgeschlafen bin, merke ich selbst. Das Fitbit Air behalte ich trotzdem, aber morgens höre ich jetzt erst in mich hinein und schaue dann in die App.



Quellen:

  1. Handelsverband, „HV Consumer Check: Von Longevity bis Looksmaxxing", 20.08.2026. Umfrage von Reppublika Research & Analytics, 1.009 Personen ab 18, 5. bis 11.08.2026. www.ots.at/presseaussendung/OTS_20260820_OTS0018/hv-consumer-check-von-longevity-bis-looksmaxxing-selbstoptimierung-ist-ein-megatrend-65-euromonat-fuer-health-lifestyle
  2. Austrian Health Report, „Austrian Health Report zeigt Trends im Gesundheitswesen auf", 06.12.2022. www.ots.at/presseaussendung/OTS_20221206_OTS0061/austrian-health-report-zeigt-trends-im-gesundheitswesen-auf-bild
  3. Blume et al., „Wie schläft Österreich? Ergebnisse aus einer Umfrage zu Schlafgewohnheiten und Schlafproblemen", Psychologie in Österreich 39(5), Dezember 2019. uni-salzburg.elsevierpure.com/de/publications/how-does-austria-sleep-results-from-a-survey-on-sleep-habits-and-/
  4. Bitkom, „Consumer Technology 2024: Wearables etablieren sich als neuer Trendmarkt", 03.09.2024. www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Consumer-Technology-2024-Wearables-als-neuer-Trendmarkt
  5. Pharmazeutische Zeitung, „Schlaftracker sind eher Schlafschätzer" (Aussagen von Hans-Günter Weeß), 17.06.2026. www.pharmazeutische-zeitung.de/schlaftracker-sind-eher-schlafschaetzer-166121/
  6. Chinoy et al., Vergleich von sieben Schlaftrackern mit Polysomnographie, Sleep, 2021. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33378539/
  7. Baron et al., „Orthosomnia: Are Some Patients Taking the Quantified Self Too Far?", Journal of Clinical Sleep Medicine, 2017. doi.org/10.5664/jcsm.6472
  8. Jahrami et al., „Prevalence of Orthosomnia in a General Population Sample: A Cross-Sectional Study", Brain Sciences, 2024. doi.org/10.3390/brainsci14111123
  9. Gavriloff et al., Studie zu falscher Schlafrückmeldung bei Menschen mit Schlafstörungen, Journal of Sleep Research, 2018. doi.org/10.1111/jsr.12726
  10. Pilotstudie zu falscher Schlafrückmeldung bei gesunden Schläfern, Sleep and Biological Rhythms, 2024. doi.org/10.1007/s41105-024-00540-1
  11. Khosla et al., Positionspapier der American Academy of Sleep Medicine zu Schlaftechnik für Verbraucher, Journal of Clinical Sleep Medicine, 2018. jcsm.aasm.org/doi/10.5664/jcsm.7128
  12. 1&1, Bericht zum Fitbit Air (kein Display), 01.07.2026, www.1und1.de/magazin/geraete-hardware/fitbit-air/ und Google Store, store.google.com/magazine/google-fitbit-air



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