50,17 Euro im Monat. So viel zahlt laut Angaben der Wirtschaftskammer ein Besucher in Österreich im Schnitt fürs Fitnesscenter. Ende 2024 hatten die Studios rund 1,27 Millionen Mitglieder, um 6,4 Prozent mehr als im Jahr davor. Das klingt beträchtlich.
Trotzdem bewegen wir Jugendlichen uns zu wenig. Laut der Studie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC) trainieren nur 30 Prozent der Mädchen und 52 Prozent der Burschen mindestens viermal pro Woche intensiv.
Bezahlt, aber selten da
1,27 Millionen klingt nach einer Menge. Das sind aber nur 13,9 Prozent der Bevölkerung. Sechs von sieben Menschen in Österreich haben gar kein Abo.
Und: Wer ein Abo hat, nutzt es wenig. Laut der WKO-Studie kommen Mitglieder im Schnitt 5,3-mal im Monat, also gut einmal pro Woche. Jeder Besuch kostet damit rund 9,50 Euro. Einmal pro Woche reicht nicht. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Jugendlichen eine Stunde Bewegung am Tag, also sieben Stunden pro Woche. Selbst Erwachsene sollten auf zweieinhalb Stunden kommen. Mit einem Gym-Besuch pro Woche ist das kaum zu schaffen.
Jedes vierte Mitglied kündigt innerhalb eines Jahres wieder
Warum zahlen wir für etwas, das wir kaum nutzen? Das haben die Ökonomen Stefano DellaVigna und Ulrike Malmendier untersucht. Sie werteten die Daten von 7.752 Mitgliedern dreier US-Fitnessclubs aus. Ergebnis ihrer Studie „Paying not to go to the gym“: Wer ein Monatsabo um über 70 Dollar hatte, kam im Schnitt 4,3-mal im Monat. Pro Besuch zahlten diese Mitglieder über 17 Dollar. Mit einer Zehnerkarte hätten sie nur 10 Dollar gezahlt.
Die Erklärung der Forschenden: Wir überschätzen unsere Disziplin. Beim Unterschreiben planen wir drei Trainings pro Woche. In Wirklichkeit gehen wir einmal. Wir zahlen also für den Plan, Sport zu machen.
Dabei liegt in Wien eine Menge Sport einfach herum, für null Euro. Ich habe mir das näher angesehen.
Die Klimmzugstange im Park
Freitag, kurz nach sechs, Bruno-Kreisky-Park. Die Sonne steht schon tief. An der Klimmzuganlage hängen drei Burschen, vielleicht ein, zwei Jahre älter als ich. Einer zieht sich hoch, bis das Kinn über der Stange ist, und lässt sich langsam wieder runter. Zehnmal. Die anderen zählen mit.
Ich stelle meinen Rucksack ab und greife die Stange daneben. Das Metall ist kalt. Erster Klimmzug: geht. Zweiter: zäh. Beim dritten zittern die Arme, beim vierten hänge ich nur noch.
Einer der drei zeigt auf die niedrige Stange am Rand, auf Hüfthöhe. Dort bleiben die Füße am Boden, und ich ziehe mich schräg hoch. Damit fangen hier alle an.
Calisthenics heißt dieser Sport: Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht, an Stangen, Barren und Ringen. Die Anlagen stehen frei zugänglich in den Parks, Tag und Nacht, das ganze Jahr. Die Community-Karte Calibase zählt 46 solcher Spots in Wien.
Was die Stange kann: Klimmzüge, Dips, Beinheben, Liegestütze. Statt Gewichte draufzulegen, wird die Übung schwieriger. Erst schräg an der niedrigen Stange, dann ganze Klimmzüge, dann enger gegriffen.
Und das wirkt. Der Sportwissenschaftler Christopher Kotarsky von der University of Cincinnati ließ eine Gruppe einen Monat lang Bankdrücken trainieren. Die andere machte nur Liegestütze, mit immer schwierigeren Varianten. Am Ende fand er laut einem Bericht seiner Universität „keinen Unterschied bei der Kraftsteigerung“.
Der Käfig ums Eck
Fußball, Basketball, Volleyball. Im Verein heißt das Mitgliedsbeitrag und fixe Trainingszeiten. In Wien reicht ein Ball.
Über 200 Ballspielkäfige stehen laut ganz-wien.at in der Stadt, gratis und für alle offen. Zum Beispiel im Hermann-Gmeiner-Park, im Weghuberpark oder im Stadtpark. Die meisten liegen in den Außenbezirken, zwischen Gemeindebauten.
Was der Käfig kann: Wer kommt, spielt mit. Anmeldung, Trikot und Trainer braucht es nicht. Und der Käfig hat einen Vorteil gegenüber dem Gym-Abo: Wer mit Freunden ausmacht, um vier dort zu sein, geht auch hin. Sonst fehlt einer im Team.
Die längste Laufbahn der Stadt
Laufen braucht Schuhe. Sonst nichts.
Die Prater Hauptallee führt schnurgerade rund 4,5 Kilometer vom Praterstern bis zum Lusthaus, berichtet vienna.at. Die Kilometer sind am Rand markiert. Hin und zurück sind das fast neun Kilometer, etwa 90 Fußballfelder hintereinander. Am Abend ist die Allee beleuchtet. Wer erst nach den Hausübungen loskommt, läuft trotzdem im Licht.
Wem das zu kurz ist, der fährt mit der U1 zur Donauinsel. Laut wien.info ist sie 21 Kilometer lang, flach und asphaltiert. Einmal von einem Ende zum anderen ist fast ein Halbmarathon.
Das Stiegenhaus
Das unscheinbarste Fitnessgerät der Stadt steht in jedem Wohnhaus, jeder U-Bahn-Station und jeder Schule.
Ein Forschungsteam um den Epidemiologen Lu Qi von der Tulane University in New Orleans hat die Daten von rund 450.000 Erwachsenen ausgewertet. Ergebnis laut einem Bericht von aponet.de: Wer täglich mindestens 50 Stufen steigt, senkt sein Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 20 Prozent.
50 Stufen. Der Südturm des Stephansdoms hat 343. Einmal hinauf, und die Tagesdosis ist fast siebenmal erledigt.
Was das Stiegenhaus kann: Es braucht keinen Termin und keinen Vorsatz. Nur die Entscheidung, die Rolltreppe links liegen zu lassen.
Bewegung im Alltag zählt mehr, als ich dachte. Im Sommer habe ich als Segellehrer am Attersee gearbeitet. Boote heben, ins Wasser bringen, aufbauen, abbauen. Dazwischen habe ich mit den Kindern gespielt. Am anstrengendsten war ausgerechnet das Motorbootfahren: Hitze, und ich saß komplett in der Sonne. Wenn wir Segelboote geschleppt haben, musste ich sie mit der Hand festhalten. Am Ende des Sommers war ich fitter, vor allem bei der Kondition.
Das eigene Zimmer
Regen, Kälte, Dunkelheit. Dann bleibt der Platz zwischen Bett und Schreibtisch.
Kniebeugen, Liegestütze, Ausfallschritte, Unterarmstütz. Jede Übung 40 Sekunden, 20 Sekunden Pause, drei Runden. Nach einer Viertelstunde ist das Training erledigt.
Was das Zimmer kann: Es ist immer offen. Auch hier gilt das Prinzip von der Klimmzugstange: Füße aufs Bett, Kniebeugen auf einem Bein, langsamer runter.
Die Parkkurse: Pause bis Juni
Bis Ende September lief in ganz Österreich „Bewegt im Park“: Yoga, Pilates, Tanz und Rückentraining in öffentlichen Parks. Ohne Anmeldung, ohne Vorkenntnisse, gratis. 2025 machten über 134.000 Menschen mit.
Was die Kurse können, was die Klimmzugstange nicht kann: Eine Trainerin schaut auf die Haltung. Und der Kurs hat eine fixe Uhrzeit. Das hilft gegen den Plan, der immer erst morgen beginnt.
Bis Juni bleiben Stange, Käfig und Stiege. Der Monatsbeitrag fällt weg. Die Überwindung bleibt.
Kotarsky kennt das. Seinen eigenen Einstieg beschreibt er so: „Als ich mit Sport angefangen habe, habe ich zu Hause trainiert, weil ich mich im Fitnessstudio unwohl gefühlt habe.“
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