Als Ahmad nach Deutschland kam, kannte er vieles noch nicht. Eine neue Sprache, ein neues Bildungssystem und ein neuer Alltag warteten auf ihn. Jahre später steht er in einer Werkstatt, repariert Autos und gehört für seinen Chef zum Team.
Für Jens Rabenstein ist klar: Ahmad ist nicht nur ein Mitarbeiter. Er ist eine Fachkraft, die der Betrieb braucht.
Genau hier liegt der Konflikt, der den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt prägt. Das Bundesland sucht dringend junge Menschen für Ausbildung, Studium und Arbeit. Gleichzeitig liegt die AfD in aktuellen Umfragen vor der Landtagswahl am 6. September deutlich vorne. Ihre Forderungen zur Migration könnten die Zukunft vieler Zugewanderter verändern.
Für Ahmad geht es dabei nicht nur um Politik. Es geht um die Frage, ob der Ort, an dem er sich ein Leben aufgebaut hat, auch in Zukunft sein Zuhause bleibt.
Ein Bundesland braucht Nachwuchs
Sachsen-Anhalt kämpft seit Jahren mit einem Mangel an jungen Arbeitskräften. Im April startete die Landesregierung erneut eine Ausbildungskampagne, die sich auch an junge Menschen mit Migrationsgeschichte richtet. Damals waren 5.650 Ausbildungsstellen im Land unbesetzt.
Viele Betriebe suchen Menschen wie Ahmad. Im Jahr 2025 unterschrieben 1.041 Auszubildende mit ausländischer Staatsangehörigkeit einen neuen Ausbildungsvertrag. Die Zahl stieg innerhalb eines Jahres um 11,5 Prozent.
Auch an den Hochschulen wächst der internationale Anteil. Im Wintersemester 2025/26 studierten 12.109 Menschen mit ausländischem Pass in Sachsen-Anhalt. Bei insgesamt 55.113 Studierenden entspricht das rund 22 Prozent.
An der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg zeigt sich diese Entwicklung besonders in den Ingenieurwissenschaften. Dort hatten 3.514 von 5.842 Studierenden eine ausländische Staatsangehörigkeit.
Für viele dieser Menschen beginnt die Verbindung zu Sachsen-Anhalt mit einem Studium oder einer Ausbildung. Für Ahmad begann sie mit einer Chance auf einen Arbeitsplatz.
Was die AfD verändern will
Zwei Wochen vor der Wahl liegt die AfD in verschiedenen Umfragen zwischen 41 und 43 Prozent. Diese Werte sind Momentaufnahmen und sagen noch nichts über das endgültige Wahlergebnis aus.
Das Programm des AfD-Landesverbands sieht bei der Migration einen deutlichen Kurswechsel vor. Die Partei fordert eine „migrationspolitische Kehrtwende um 180 Grad“, eine Abschiebeoffensive und will die gezielte Anwerbung bestimmter ausländischer Fachkräfte stoppen.
Dabei verwendet das Programm den Begriff „kulturfremde Fachkräfte“. Statt zusätzlicher Zuwanderung setzt die Partei unter anderem auf Automatisierung, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Rückkehr ausgewanderter deutscher Fachkräfte.
Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den Landesverband seit 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Behörde nennt unter anderem einen ethnisch geprägten Volksbegriff und die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion als Gründe.
Für Ahmad bedeutet diese politische Debatte eine persönliche Frage. Er hat einen Beruf gelernt, arbeitet und lebt seit Jahren in Deutschland. Trotzdem beobachtet er, wie über Menschen mit einer ähnlichen Geschichte gesprochen wird.
Eine Wahl kann nicht alles verändern
Nicht jede Forderung aus einem Wahlprogramm kann ein Bundesland allein umsetzen. Große Teile des Asyl- und Aufenthaltsrechts werden auf Bundesebene oder durch die EU geregelt.
Trotzdem hat ein Land Einfluss auf Bereiche des Alltags. Dazu gehören Schule, Integration und Bildung.
Die AfD Sachsen-Anhalt fordert beispielsweise eigene Klassen für Kinder von Flüchtlingen und Asylsuchenden. Die Partei begründet dies unter anderem mit einer möglichen Rückkehr in die Herkunftsländer. Frühere Willkommensklassen waren dagegen als Übergang gedacht, damit Kinder später regulär am Unterricht teilnehmen.
Für eine Jugendliche mit Fluchterfahrung ist diese Entscheidung keine politische Theorie. Sie bestimmt, mit wem sie lernt und wie ihr Schulalltag aussieht.
Wenn Menschen über Weggehen nachdenken
Die Unsicherheit beginnt für manche Menschen bereits vor einer möglichen Gesetzesänderung. Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt berichtet von Menschen, die über einen Umzug in andere Bundesländer nachdenken oder sich dort bewerben.
Auch Ahmad müsste sich im Fall eines Weggangs vieles neu aufbauen. Seine Arbeit, sein Freundeskreis und sein Alltag in Magdeburg würden zurückbleiben.
Dabei zeigt sein Beispiel genau das Problem: Integration endet nicht mit einem Sprachkurs oder einem Arbeitsvertrag. Sie bedeutet auch, dass Menschen Wurzeln schlagen und eine Zukunft planen.
Sachsen-Anhalt kann junge Menschen kaum verlieren
Der Arbeitsmarkt zeigt, warum diese Menschen wichtig sind. Die Bundesagentur für Arbeit nennt für 2025 Engpässe in 22 Berufsgruppen, darunter Pflege, Gesundheit, Mechatronik, Energietechnik und Bau.
Gleichzeitig gehen viele Beschäftigte der Babyboomer-Generation in Rente. Die Zahl ausländischer Beschäftigter in Sachsen-Anhalt stieg innerhalb von zehn Jahren von 20.260 auf 75.300.
Für Unternehmen bedeutet das: Jede Fachkraft zählt.
Für Ahmad bedeutet es: Seine Arbeit zeigt, dass aus einer Fluchtgeschichte eine berufliche Zukunft entstehen kann.
Was eine Wahl mit unserer Zukunft zu tun hat
Sachsen-Anhalt liegt Hunderte Kilometer von Österreich entfernt. Trotzdem betrifft die Frage hinter dieser Wahl auch uns: Was macht einen Ort zu einem Platz, an dem junge Menschen ihre Zukunft aufbauen wollen?
Für internationale Studierende geht es um ihre Universität. Für Jugendliche mit Migrationsgeschichte um das Gefühl, willkommen zu sein. Für Betriebe um die Menschen, die ihre Zukunft sichern.
Am 6. September entscheidet Sachsen-Anhalt über einen neuen Landtag. Für Ahmad begann diese Entscheidung aber schon früher. Sie begann in dem Moment, in dem er sich fragte, ob der Ort, an dem er Deutsch gelernt, gearbeitet und Freunde gefunden hat, auch weiterhin sein Zuhause sein kann.
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