Es ist ein heißer Tag, die Straßenbahn ist voll, alle tragen T-Shirts. Und überall sieht man sie: eine feine Linie am Unterarm, ein zarter Schriftzug hinter dem Ohr, ein ganzer bunter Arm bei dem Typen an der Tür. Tattoos sind aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Was vor zwanzig Jahren noch für Getuschel gesorgt hätte, fällt heute kaum noch jemandem auf. Genau das macht den Tattoo-Trend so spannend: Er ist so normal geworden, dass er fast unsichtbar ist.
So normal wie nie
Die Zahlen zeigen, wie sehr sich das verändert hat. Laut einer Studie des Linzer Instituts IMAS hat rund jede vierte Person in Österreich mindestens eine Tätowierung. Bei den unter 35-Jährigen sind es sogar mehr als zwei von fünf, also über 42 Prozent. Seit 2013 ist dieser Anteil deutlich gestiegen. Und die meisten stört das kein bisschen: Nur acht Prozent verbinden Tattoos noch mit einem schlechten Ruf. Getrieben wird der Trend vor allem über Social Media, wo Stars, Sportler und Influencer ständig neue Motive und Stile zeigen. Aus einem Zeichen der Subkultur ist ein ganz normaler Teil unseres Alltags geworden.
Ein Nachmittag im Tattoo-Studio
In einem kleinen Tattoo-Studio im zehnten Wiener Gemeindebezirk hängen an den Wänden unzählige Motive und Zeichnungen, im Hintergrund surrt die Tätowiermaschine.
Dass hier immer mehr junge Menschen sitzen, bestätigt der Mensch hinter der Nadel. „Hier kommt mittlerweile ein ziemlich großer Anteil an jungen Leuten. Gerade bei den 18- bis 25-Jährigen merken wir das schon deutlich", sagt ein Tätowierer, der in dem Studio arbeitet und nicht namentlich genannt werden möchte. Gefragt seien vor allem kleine, schlichte Motive. „Im Moment werden vor allem kleine Tattoos, Schriftzüge und eher minimalistische Motive nachgefragt", sagt er.
Bei manchen Wünschen rät er allerdings zur Vorsicht. „Bei Namen von Partnern oder sehr spontanen Motiven versuchen wir schon, die Leute darauf hinzuweisen, dass sie sich das gut überlegen sollten", sagt er. Und wenn jemand sehr jung wirkt? „Dann schauen wir natürlich genauer hin und sprechen darüber, ob die Entscheidung wirklich gut überlegt ist." Mitten im Gespräch kommt eine junge Kundin herein, sieht sich die Vorlagen an der Wand an und bespricht ein kleines Motiv.
Für immer ist eine lange Zeit
Doch ein Tattoo bleibt, und genau das unterschätzen viele. Rund ein Viertel der tätowierten Menschen bereut laut Umfragen früher oder später zumindest eines seiner Motive. Und ausgerechnet die jüngeren Jahrgänge stellen die meisten Anfragen zur Entfernung. Auf TikTok und Instagram sieht man deshalb inzwischen nicht nur frische Tattoos, sondern immer öfter auch Videos vom Weglasern. Das österreichische Magazin The Gap spricht bereits von einem regelrechten Gegentrend zum Boom. Der weltweite Markt für Tattoo-Entfernung wächst entsprechend schnell und soll sich bis 2030 mehr als verdoppeln. Was mit einem spontanen Ja begann, endet für manche also in vielen teuren Laser-Sitzungen.
Vor Ort: Wo Tattoos wieder verschwinden
Dass aus dem spontanen Ja oft ein späteres Nein wird, sieht man dort, wo Tattoos wieder weggemacht werden. „Wir haben durchaus junge Kundinnen und Kunden, die ihr Tattoo wieder entfernen lassen möchten. Gerade bei Tattoos, die sehr spontan gestochen wurden, kommt das immer wieder vor", sagt eine Fachkraft aus einem Wiener Studio für Tattoo-Entfernung, die nicht namentlich genannt werden möchte. Die Gründe seien ganz unterschiedlich. „Häufig geht es um Namen von ehemaligen Partnern, Motive, die den Leuten nach einigen Jahren nicht mehr gefallen, oder Tattoos, die sie für eine bestimmte Lebensphase gewählt haben", sagt sie.
Gerade bei jungen Menschen ändere sich vieles schnell. „Was mit 18 noch eine gute Idee war, kann ein paar Jahre später schon ganz anders wirken", sagt die Fachkraft. Nur ist der Weg zurück deutlich mühsamer als der Weg hin. Eine Entfernung sei mit einer einzigen Behandlung nicht getan, sondern brauche mehrere Sitzungen mit Wochen Pause dazwischen. Und das kostet: Rund 120 Euro pro Sitzung sind es in dem Studio, bei größeren Motiven summiert sich das schnell. Ein Tattoo ist eben schnell gestochen. Es wieder loszuwerden, braucht deutlich mehr Zeit - und Geld.
Was viele nicht bedenken
Neben der Reue gibt es noch handfeste Dinge, die man wissen sollte. In Österreich ist Tätowieren unter 16 Jahren verboten, und wer noch nicht volljährig ist, braucht das Einverständnis der Eltern. Auch gesundheitlich ist ein Tattoo kein Kleinigkeit. Die Wunde kann je nach Körperstelle bis zu einem dreiviertel Jahr zum Verheilen brauchen. Und immer wieder finden Untersuchungen in manchen Tattoo-Farben bedenkliche Stoffe, die im Verdacht stehen, der Gesundheit zu schaden. Das alles ist laut der Beratungsstelle Konsumentenfragen ein guter Grund, sich vorher genau zu informieren und nur zu einem seriösen, sauberen Studio zu gehen, statt beim billigsten Angebot zuzuschlagen.
Warum es trotzdem so viele wollen
Bei aller Vorsicht steckt hinter dem Tattoo-Trend etwas Schönes. Für viele ist ein Tattoo kein modisches Accessoire, sondern eine Art, eine Geschichte auf der Haut zu tragen. Ein Datum, ein Name, ein Symbol, das an einen bestimmten Menschen oder Moment erinnert. Anders als ein Post, der im Feed verschwindet, bleibt so ein Zeichen ein Leben lang sichtbar. Genau das ist Fluch und Segen zugleich. Wer sich vorher gut überlegt, was wirklich für immer auf seiner Haut stehen soll, trifft eine Entscheidung, die ihn ein Leben lang begleitet, im besten Fall als schöne Erinnerung.
Zurück in die Straßenbahn
Und so sitzt man auch beim nächsten Mal wieder in der vollen Straßenbahn und sieht sie überall, die feinen Linien, die Schriftzüge, die bunten Arme. Hinter jedem einzelnen Tattoo steckt eine Entscheidung, die bleibt. Vielleicht ist das die eigentliche Frage, die wir uns vor dem ersten Termin stellen sollten. Nicht, ob das Motiv gerade im Trend liegt, sondern ob es uns auch in zwanzig Jahren noch gefällt.
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