„Die aktuellen Zahlen will ich nicht schönreden.“ Mit diesem Satz reagiert Bildungsminister Christoph Wiederkehr auf die neue Bilanz des Bildungsministeriums. Im Schuljahr 2025/26 wurden österreichweit 2.440 Kinder und Jugendliche suspendiert. Ein Jahr zuvor waren es 2.187, 2023/24 noch 2.013 und 2022/23 1.911. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl damit um knapp zwölf Prozent. Seit 2022/23 liegt das Plus bei rund 28 Prozent.
Eine Suspendierung schließt einen Schüler oder eine Schülerin für eine bestimmte Zeit vom regulären Unterricht aus. Möglich ist sie etwa bei körperlichen Angriffen, ernsthaften Drohungen, massiven Einschüchterungen, beharrlicher Belästigung oder vorsätzlicher Sachbeschädigung. Die Schulleitung beantragt die Suspendierung, über den Ausschluss entscheidet die zuständige Schulbehörde. In der Regel kann eine Suspendierung bis zu vier Wochen dauern.
Für uns als Schülerinnen und Schüler ist diese Frage unmittelbar. Eine Suspendierung betrifft zuerst die Person, die den Bescheid bekommt. Die Folgen landen aber oft bei der ganzen Klasse. Wer sich nach einem Gewaltvorfall unsicher fühlt, braucht Schutz. Wer suspendiert wurde, muss später wieder zurückkommen. Und Lehrkräfte müssen mit beiden Seiten weiterarbeiten.
Mittelschulen fallen besonders auf
Die meisten suspendierten Schülerinnen und Schüler gab es im vergangenen Schuljahr an Mittelschulen. Dort waren es 1.304. Das entspricht rund 53 Prozent aller erfassten Fälle. An Volksschulen wurden 534 Kinder suspendiert. Im Jahr davor waren es dort 413. Auch diese Zahl ist deutlich gestiegen.
Gemessen an der Zahl aller Schülerinnen und Schüler liegt der höchste Anteil an Sonderschulen. Dort wurden 297 Schülerinnen und Schüler suspendiert. Das entspricht 17,5 Fällen pro 1.000 Schüler. An Polytechnischen Schulen waren es 87, an AHS 135 und an Berufsschulen 13.
Die Zahlen zeigen auch, wie unterschiedlich das Thema je nach Schulart ausfällt. Während Suspendierungen an AHS und Berufsschulen vergleichsweise selten vorkommen, spielen sie an Mittelschulen und Sonderschulen eine deutlich größere Rolle. Für Klassen kann so ein Ausschluss trotzdem weitreichende Folgen haben. Ein Konflikt endet oft nicht mit dem Bescheid. Mitschüler, Lehrkräfte und die betroffene Person müssen danach wieder gemeinsam in einem Klassenraum sitzen.
Was ab Herbst anders läuft
Mit dem neuen Schuljahr verändert sich der Umgang mit suspendierten Schülerinnen und Schülern. Wer mindestens vier Tage suspendiert wird, soll während dieser Zeit verpflichtend begleitet werden. Dafür wird ein individueller Förderplan erstellt. Pro Woche sind acht bis 20 Stunden vorgesehen.
Ein Teil dieser Zeit besteht aus Unterricht und Lernaufgaben, damit möglichst wenig Stoff verloren geht. Dazu kommen psychosoziale Maßnahmen. Gespräche, Konfliktaufarbeitung, der Umgang mit Emotionen und soziale Kompetenzen sollen eine Rolle spielen. Je nach Fall können Pädagogen, Beratungslehrkräfte, Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder externe Fachpersonen beteiligt sein.
Die Begleitung kann an der eigenen Schule, an einem anderen Standort, an einem externen Ort oder teilweise online stattfinden. Am Ende ist ein Abschlussgespräch vorgesehen. Dort wird besprochen, wie die Rückkehr in die Klasse funktionieren soll und welche weitere Unterstützung sinnvoll ist.
Auch Eltern müssen mitwirken. Sie können zu Gesprächen eingeladen werden und sollen die Umsetzung des Förderplans unterstützen. Verweigern sie diese Mitwirkung, kann nach einem weiteren Gespräch und einer Nachfrist eine Meldung an die Bezirksverwaltungsbehörde folgen.
Die Zeit außerhalb der Klasse bekommt neue Regeln
Hinter der neuen Regel steckt ein Problem, über das Schulen schon länger diskutieren. Wenn ein Schüler mehrere Tage zu Hause bleibt, verschwinden die Gründe für einen Konflikt dadurch kaum. Gleichzeitig wächst der Lernstoff weiter. Nach der Rückkehr können ein ungelöster Konflikt und ein schulischer Rückstand zusammenkommen.
Wiederkehr erklärt, das Ziel sei eine gute Rückkehr in den Schulalltag. Hier setzt die neue Begleitung an. Sie soll die Zeit außerhalb der Klasse strukturieren und Unterricht, Gespräche sowie Unterstützung miteinander verbinden.
Wien liegt an der Spitze
Besonders hoch sind die Zahlen in Wien. Im Schuljahr 2025/26 gab es dort 831 Suspendierungen. Betroffen waren 718 Schülerinnen und Schüler, einige von ihnen also mehrfach. Bezogen auf rund 257.300 Schülerinnen und Schüler entspricht das einem Anteil von 0,28 Prozent. 83 Prozent der suspendierten Jugendlichen waren männlich.
Im Bundesländervergleich liegt Wien auch bei der Zahl der Suspendierungen pro 1.000 Schüler vorne. Dahinter folgen Vorarlberg mit 167 suspendierten Schülerinnen und Schülern und 2,91 Fällen pro 1.000 sowie Oberösterreich mit 587 und einem Wert von 2,82 pro 1.000. Deutlich niedriger liegt der Anteil etwa in Niederösterreich mit 0,94 pro 1.000, in Tirol mit 1,20 und im Burgenland mit 1,23.
Auffällig ist auch die Entwicklung in der Steiermark. Dort stieg die Zahl von 100 im Schuljahr 2024/25 auf 231 im vergangenen Schuljahr. In Vorarlberg ging sie von 114 auf 167 nach oben, in Wien von 784 auf 831. Rückgänge gab es dagegen in Tirol, wo die Zahl von 160 auf 123 sank, und in Oberösterreich von 606 auf 587.
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