23.776 Tatverdächtige: Wird Wiens Jugend krimineller?

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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20.08.2026
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82 Beamtinnen und Beamte, Fremdenpolizei und Spürhunde waren in der Nacht auf Donnerstag am Bahnhof Meidling im Einsatz. Die Polizei geht dort verstärkt gegen Gewalt und Straßenkriminalität unter jungen Menschen vor. Besonders stark betrifft die Entwicklung Kinder zwischen 10 und 13 Jahren.

82 Polizistinnen und Polizisten bei einer Schwerpunktaktion am Bahnhof Meidling heute Nacht. (Foto: shutterstock)

In der Nacht auf Donnerstag wird der Bahnhof Meidling zum Schauplatz einer großen Polizeiaktion. 82 Polizistinnen und Polizisten kontrollieren den Bereich. Unterstützt werden sie von der Fremdenpolizei, die unter anderem aufenthaltsrechtliche Kontrollen durchführt, und von Diensthunden. Der Einsatz ist Teil einer Strategie, mit der die Wiener Polizei stärker gegen Jugendkriminalität, Gewalt und Delikte im öffentlichen Raum vorgeht.

Wer nur die Bilder des Großeinsatzes sieht, bekommt leicht den Eindruck, eine ganze Generation werde krimineller. Die offiziellen Zahlen erzählen allerdings eine kompliziertere Geschichte.

23.776 Tatverdächtige: Wer steckt hinter dieser Zahl?

2025 registrierte die Wiener Polizei 194.625 Straftaten. Das waren 0,2 Prozent weniger als im Jahr davor. Gleichzeitig stieg die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen unter 21 Jahren um 10,7 Prozent auf 23.776.

Dabei ist wichtig, was „tatverdächtig“ überhaupt bedeutet: Die Polizei bringt eine Person mit einer Straftat in Verbindung. Ein Gerichtsurteil ist daraus noch nicht geworden.

Auch die Altersgrenze ist entscheidend. „Unter 21“ umfasst Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 20 Jahre. Eine Zahl über Unter-21-Jährige beschreibt also keineswegs nur Schülerinnen und Schüler. Wenn in den Medien von Jugendkriminalität gesprochen wird, werden mehrere sehr unterschiedliche Altersgruppen häufig unter einem Begriff zusammengefasst.

Besonders stark steigt die Zahl bei Kindern

Am auffälligsten ist die Entwicklung bei den 10- bis 13-Jährigen. 5.983 Tatverdächtige wurden 2025 in Wien registriert. Das entspricht einem Plus von 18,1 Prozent innerhalb eines Jahres.

Bei den 14- bis 17-Jährigen stieg die Zahl von 9.522 auf 10.164, also um rund 6,7 Prozent. Österreichweit ergibt sich bei dieser älteren Gruppe ein anderes Bild: 2025 wurden 34.769 Tatverdächtige zwischen 14 und 17 Jahren erfasst, im Jahr davor waren es 34.809. Bundesweit bleibt ihre Zahl damit seit mehreren Jahren nahezu gleich.

Der besonders starke Zuwachs liegt aktuell also bei jüngeren Kindern und fällt in Wien deutlicher aus als im österreichweiten Vergleich.

30 bis 40 Jugendliche im Fokus der Justiz

Eine weitere Zahl verändert den Blick auf die Statistik. Nach Angaben des Innenministeriums gibt es in Wien eine Gruppe von rund 30 bis 40 Kindern und Jugendlichen, die besonders häufig Straftaten begeht. Manche werden mit Dutzenden, einzelne sogar mit Hunderten Delikten in Verbindung gebracht.

Jugendkriminalität ist deshalb kein Phänomen, das sich gleichmäßig über Tausende Jugendliche verteilt. Eine vergleichsweise kleine Gruppe kann viele Taten verursachen und gleichzeitig das Sicherheitsgefühl an bestimmten Orten stark prägen.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn einige wenige Jugendliche wiederholt schwere Delikte begehen, erzählt eine Schlagzeile über steigende Jugendkriminalität nur wenig darüber, wie sich die große Mehrheit der Jugendlichen verhält.

Unter 14 funktioniert das Strafrecht anders

Der Anstieg bei den 10- bis 13-jährigen Kindern stellt Polizei und Jugendhilfe vor ein besonderes Problem. In Österreich beginnt die Strafmündigkeit mit 14 Jahren. Jüngere Kinder können von der Polizei als Tatverdächtige ermittelt werden, nach dem Jugendgerichtsgesetz sind sie jedoch strafunmündig und können strafrechtlich nicht verurteilt werden.

Damit übernehmen Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, Familien und Sozialarbeit eine besonders wichtige Rolle. Wien hat deshalb im Juli eine Auszeit-WG für besonders auffällige Kinder gestartet. Sie richtet sich an 11- bis 13-jährige Intensivtäter, bei denen andere Maßnahmen zuvor keinen ausreichenden Erfolg gebracht haben.

Dort gibt es Betreuung rund um die Uhr, psychologische Unterstützung und Anti-Gewalt-Training. Die geschlossene Unterbringung ist umstritten. Kritiker sehen Probleme bei Kinderrechten und Resozialisierung, die Stadt betrachtet sie als letzte Möglichkeit für besonders schwierige Fälle.

Vom Bahnhof ins Handy

Die Aussage, Jugendkriminalität werde digitaler, betrifft einen anderen Teil des Problems. Besonders sichtbar wird das beim Extremismus.

2025 registrierte der österreichische Verfassungsschutz 306 islamistisch motivierte Tathandlungen. Das entspricht einem Plus von 42,3 Prozent gegenüber 2024. Bei 172 dieser Taten fand die strafbare Handlung im Internet statt, vor allem über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste.

Unter den 272 ausgeforschten Tatverdächtigen waren 85 jünger als 18 Jahre. Das sind 31,3 Prozent.

Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf islamistisch motivierte Taten und lassen sich nicht auf Jugendkriminalität insgesamt übertragen. Sie zeigen jedoch, warum Polizei und Verfassungsschutz inzwischen auch soziale Netzwerke, Messenger und Gaming-Plattformen im Blick haben. Radikalisierung kann heute beginnen, ohne dass sich Jugendliche dafür überhaupt an einem bestimmten Ort treffen müssen.

Warum ausgerechnet Meidling?

Der Bahnhof Meidling taucht bei Schwerpunktaktionen schon länger auf. Im Sommer 2024 kam es dort im Zusammenhang mit Konflikten zwischen Jugendgruppen zu schweren Auseinandersetzungen. Mehrere Menschen wurden verletzt. Danach erhöhte die Polizei ihre Präsenz an verschiedenen Wiener Treffpunkten. Auch 2025 und 2026 fanden rund um Meidling wieder Kontrollen statt.

Der Bahnhof ist dafür ein naheliegender Ort: S-Bahn, U-Bahn, Busse, Straßenbahnen und Fernzüge treffen dort zusammen, täglich bewegen sich große Menschenmengen durch das Gebiet.

Schwerpunktaktionen sollen sichtbare Präsenz schaffen, gesuchte Personen finden, verbotene Gegenstände entdecken und Informationen für weitere Ermittlungen liefern. 82 Einsatzkräfte klingen gewaltig. Ihre Zahl sagt allerdings wenig darüber aus, wie viele jugendliche Intensivtäter tatsächlich hinter einem Teil des Problems stehen.

Mehr Polizei löst nur einen Teil

Ein großer Einsatz kann einen akuten Konflikt stoppen und die Situation an einem bestimmten Ort beruhigen. Bei Kindern, die wiederholt Straftaten begehen, beginnt die schwierigere Arbeit häufig danach.

Wien arbeitet inzwischen mit einem Stufenmodell. Nach ersten Auffälligkeiten sollen Gespräche mit Kindern und Eltern folgen. Bei weiteren Problemen kommt eine längere Begleitung dazu, bei schweren wiederholten Delikten eine besonders intensive Betreuung.

Auch die Schule spielt dabei eine Rolle. Wer regelmäßig fehlt, suspendiert wird, den Anschluss verliert oder kaum Perspektiven sieht, kann leichter in Gruppen geraten, in denen Gewalt oder Straftaten zum Alltag gehören.

Deshalb kann Jugendkriminalität kaum allein auf einem Bahnhof bekämpft werden. Entscheidend ist auch, was morgens im Klassenzimmer, nachmittags im Jugendzentrum und abends zu Hause passiert.

Die Statistik erzählt zwei Geschichten

Die aktuellen Zahlen lassen sich also auf zwei Arten lesen. Ja, Wien hat ein ernstes Problem mit Jugendkriminalität. 5.983 tatverdächtige Kinder zwischen 10 und 13 Jahren sind eine hohe Zahl, und ihr Anstieg innerhalb eines Jahres ist deutlich.

Gleichzeitig sollten wir daraus keine Geschichte über eine angeblich kriminelle Jugendgeneration machen. Bei den 14- bis 17-Jährigen zeigt sich österreichweit seit mehreren Jahren kaum eine Veränderung. Dazu kommt eine kleine Gruppe von Intensivtätern, die besonders viele Straftaten begeht.

Am Morgen nach dem Großeinsatz fahren am Bahnhof Meidling wieder S-Bahnen ein. Schülerinnen und Schüler gehen über dieselben Bahnsteige wie Berufstätige, Reisende und alle anderen Fahrgäste. Von den 82 Einsatzkräften ist dann kaum noch etwas zu sehen.

Die schwierigere Zahl bleibt: jene 30 bis 40 Kinder und Jugendlichen, die besonders oft auffallen. Ob sie beim nächsten Großeinsatz wieder Teil einer Statistik werden, entscheidet sich wahrscheinlich lange bevor irgendwo ein Polizeihund durch einen Bahnhof läuft.

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