200 Jahre alte Bücher, Hasskommentare von heute: Mein Sommer im Jüdischen Museum

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
21.08.2026
6 Min.

Eine Bibel von 1812, ein Hundeskelett aus einem mittelalterlichen Brunnen und antisemitische Kommentare auf TikTok: In meinem Ferialpraktikum im Jüdischen Museum Wien liegen acht Jahrhunderte manchmal nur wenige Räume auseinander. Ich habe erlebt, wie unterschiedlich Museumsarbeit sein kann und wie stark Geschichte bis in die Gegenwart reicht.

Mein Arbeitsplatz im Jüdischen Museum Wien: Zwischen Telefonaten, Social Media und historischen Objekten habe ich im Sommer erlebt, wie vielseitig die Arbeit hinter einem Museum ist. (Foto: Privat )

Ich halte ein Buch in der Hand, das älter ist als fast jedes Gebäude, an dem ich auf dem Weg zur Arbeit vorbeikomme. Der Einband ist blau, auf dem Cover glänzt goldene Schrift, die Seiten sind vergilbt und steif. Das Buch stammt aus dem Jahr 1812. Hebräisch kann ich nicht lesen, auf der nächsten Seite steht der Text aber auf Deutsch. Bei meiner Aufgabe geht es zunächst um etwas anderes: Ich überprüfe, ob das Buch dort steht, wo es laut Liste stehen soll, und ob es vollständig und in gutem Zustand ist.

In der Bibliothek am Rabensteig gehört das zu meinem Praktikumsalltag. Ich nehme die Bücher einzeln aus dem Regal, kontrolliere ihre Nummer und suche nach Lücken in der Sammlung. Manche sind über 200 Jahre alt. Dabei merke ich, wie anders ich so ein Buch in die Hand nehme als einen Roman aus meinem eigenen Regal. Schon der Geruch des alten Papiers erinnert mich daran, wie viel Zeit zwischen seiner Entstehung und meinem Arbeitstag liegt.

Erst klingeln, dann hinein

Bevor ich zu den Büchern komme, klingele ich an der Sicherheitstür. Mitarbeiter des Stadttempels sitzen in einem eigenen Raum und kontrollieren, wer das Gebäude betritt und wieder verlässt. Mein Chef in der Bibliothek scannte an meinem ersten Tag meinen Personalausweis ein und gab meine Daten an sie weiter. So wissen die Mitarbeiter, wer im August in der Bibliothek aushilft. Wenn ich größere Post aus dem Büro mitbringe, kontrollieren sie auch diese.

In meinen ersten Tagen fand ich diesen Arbeitsbeginn ungewohnt. Inzwischen gehört die Kontrolle für mich dazu. Die Zahlen erklären, warum jüdische Einrichtungen Sicherheit so ernst nehmen. Die Antisemitismus Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde registrierte 2025 österreichweit 1.532 antisemitische Vorfälle. Das waren durchschnittlich 4,2 pro Tag und der höchste Jahreswert seit Beginn ihrer Aufzeichnungen. Seit dem 7. Oktober 2023 verstärkten Behörden zudem den Schutz jüdischer Einrichtungen in Wien.

Vormittags Inventur, nachmittags TikTok

Nach einigen Stunden zwischen Bücherregalen sieht mein Arbeitsplatz völlig anders aus. Im Büro in der Dorotheergasse kümmere ich mich gemeinsam mit Lisa, meiner Freundin und Arbeitskollegin, um Social Media. Wir produzieren Beiträge für TikTok, Instagram und Facebook. Lisa übernimmt bei unseren Videos das Voiceover, ich kümmere mich um Schnitt, Aufbau und den Rest der Produktion.

Bei einem Video haben wir einen TikTok-Trend mit einem Sound nachgestellt, in dem das englische Wort „leaving“ vorkommt. Dazu schrieben wir „leaving (omw to JMW)“, also auf dem Weg ins Jüdische Museum Wien. Das Video kam auf rund 1.000 Aufrufe. So ein Trend ist relativ unkompliziert. Schwieriger wird es, wenn wir ein Museumsobjekt in wenigen Sekunden so erzählen wollen, damit jemand beim Scrollen hängen bleibt.

Ein Beispiel dafür ist ein Klapptisch in der Sammlung. Auf den ersten Blick sieht er kaum spektakulär aus. Er gehörte dem Wiener Neurologen Johann Paul Karplus. Karplus spielte darauf mit Freunden Tarock. Zu dieser Runde gehörte auch sein Kollege Sigmund Freud. Nobelpreisträger Martin Karplus, der Enkel von Johann Paul Karplus, schenkte den Tisch später dem Museum. Aus einem Möbelstück wird plötzlich eine Verbindung zur Wiener Wissenschaftsgeschichte. Solche Geschichten versuchen wir für Social Media sichtbar zu machen.

Wenn Hass in der Kommentarspalte landet

Zu meinem Social-Media-Job gehört auch die Moderation der Kommentare. Dort begegnet mir eine Seite des Museums, die Besucher in den Ausstellungsräumen kaum sehen. Unter Beiträgen beginnen Diskussionen über Israel und Gaza, selbst wenn ein Video ein historisches Objekt oder jüdisches Leben in Wien behandelt. Das Jüdische Museum beschäftigt sich mit jüdischer Geschichte und Kultur. Trotzdem landet der aktuelle Nahostkonflikt immer wieder unter seinen Posts.

Einige Kommentare überschreiten jede Grenze. Nutzer relativieren die Schoah oder schreiben sinngemäß, es seien damals zu wenige Juden ermordet worden. Wenn ich solche Inhalte sehe, melde ich sie. Besonders schwere Fälle schicke ich an Jennifer, unsere Social-Media-Chefin. Sie prüft sie und entscheidet, welche weiteren Schritte das Museum setzt und ob ein Fall für eine Anzeige infrage kommt.

Museumsdirektorin Barbara Staudinger sprach am 14. März im ORF Wien über dieselbe Erfahrung: „Wir bekommen regelmäßig Shitstorms auf Facebook, auf Instagram, auf allen Social Media-Plattformen, auf denen wir sind.“ Dazu kämen Hassmails und Hassbriefe. Von den 1.532 registrierten antisemitischen Vorfällen 2025 enthielten 625 Schoah-Relativierung oder Schoah-Leugnung.

Vor meinem Praktikum kannte ich solche Zahlen aus Nachrichten. Jetzt sehe ich einzelne Aussagen selbst auf meinem Bildschirm und muss entscheiden, was ich damit mache. Das fühlt sich anders an als eine Statistik.

Ein Hund im Brunnen

Meine beste Erinnerung aus dem Museum hat mit einer Führung zu tun. Hannah arbeitet als Guide und führte mich einen ganzen Tag durch beide Museen. Sie scheint zu fast jedem Objekt eine Geschichte zu kennen. Es ist normalerweise schwer, mich einen ganzen Tag lang bei einer Führung aufmerksam zu halten. Bei ihr wurde mir keine Sekunde langweilig.

Am Judenplatz zeigte sie mir zum Beispiel die Überreste der mittelalterlichen Synagoge. Ab dem 13. Jahrhundert lag hier das Zentrum der ersten jüdischen Gemeinde Wiens. Männer beteten und lernten in der sogenannten Männerschul. Daneben befand sich ein abgetrennter Bereich, den vermutlich die Frauen nutzten. 1420 und 1421 vertrieb und ermordete Herzog Albrecht V. die jüdische Gemeinde. Die Synagoge wurde zerstört. Ihre Fundamente kamen erst bei Ausgrabungen in den 1990er Jahren wieder zum Vorschein.

Noch stärker überraschte mich ein Hundeskelett. Bei Ausgrabungen fanden Archäologen die Knochen in einem mittelalterlichen Hausbrunnen am Judenplatz. Der Brunnen stammt ungefähr aus dem Jahr 1386. Warum der Hund dort landete, lässt sich heute nicht mehr sicher beantworten. Der Fund erinnert aber an ein antisemitisches Motiv aus dem Mittelalter: Jüdinnen und Juden wurde immer wieder vorgeworfen, Brunnen mit Tierkadavern zu vergiften. Archäologische Untersuchungen zeigen zugleich, dass Tierknochen in alten Brunnen keineswegs ungewöhnlich sind. Aus ein paar Knochen wird damit eine Geschichte darüber, wie Vorurteile entstehen und wie vorsichtig wir historische Funde interpretieren müssen.

Von alten Vorurteilen zu einer aktuellen Ausstellung

Nach Geschichten über Ausgrenzung und Verfolgung wirkt die aktuelle Ausstellung „A Muslim, a Christian, and a Jew“ von Eran Shakine für mich wie ein bewusster Gegenpol. Shakine zeichnet einen Muslim, einen Christen und einen Juden immer wieder gemeinsam. Mich hat vor allem die Idee dahinter angesprochen: Religionen unterscheiden uns, trotzdem suchen Menschen nach ähnlichen Dingen, nach Gemeinschaft, Orientierung und Zusammenhalt.

Besonders mochte ich ein Bild gegen Ende der Ausstellung, auf dem die drei Figuren gemeinsam in einen Tunnel steigen. Für mich passt es zur Gegenwart, weil Zusammenhalt zwischen Religionen heute alles andere als selbstverständlich wirkt. Bei einer Besucherbefragung sprach ich später mit einer Lehrerin, die von der Ausstellung so begeistert war, dass sie mit ihrer Schulklasse zurückkommen wollte. Ihre Reaktion konnte ich nach meinem eigenen Rundgang gut verstehen.

Was von meinem Sommer bleibt

Vor meinem Praktikum dachte ich bei Museumsarbeit vor allem an Ausstellungen, historische Objekte und Führungen. Inzwischen verbinde ich damit auch Sicherheitskontrollen, TikTok-Trends, Hasskommentare, alte Bücher und Gespräche mit Menschen, die hinter scheinbar unscheinbaren Dingen ganze Geschichten entdecken.

Am meisten überrascht hat mich, wie oft sich Vergangenheit und Gegenwart im selben Arbeitstag treffen. Am Vormittag kontrolliere ich ein Buch aus dem Jahr 1812. Wenige Stunden später melde ich einen antisemitischen Kommentar auf TikTok. Hannah zeigt mir, welche Vorurteile Menschen schon im Mittelalter gegen Juden verbreiteten, während ich bei meiner eigenen Arbeit sehe, welche Formen derselbe Hass heute annehmen kann.

Seit diesem Sommer schaue ich deshalb anders auf Museen. Ich gehe langsamer an Objekten vorbei und frage öfter, warum sie hier stehen. Gleichzeitig nehme ich stärker wahr, wie viel Arbeit außerhalb der Ausstellungsräume passiert. Mein Praktikum hat mir gezeigt, wie lebendig Geschichte wird, sobald sie mit Menschen, Gegenständen und dem eigenen Alltag verbunden ist. Genau dieses Gefühl werde ich aus dem Jüdischen Museum mitnehmen.


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