Wissenschaft International Meinung

15,4 Grad am Südpol: Ich sorge mich um die Pinguine

Kein Profil-Bild gefunden.
Volontärin · ibc Hetzendorf
1 Kommentar
10.08.2026
4 Min.

Am 6. Juni wurde die höchste Juni-Temperatur jemals in der Antarktis gemessen: 15,4 °C statt minus 6,2 °C - und das mitten im antarktischen Winter. Wer glaubt, bei uns in Österreich steigen die Temperaturen schnell, wird überrascht sein: In der Arktis und Antarktis geht es noch viel schneller.

Die Temperaturen steigen, das Eis schmilzt und die Pinguine sterben (Foto: Barbara Dougherty, Pixabay)

15,4 Grad. Mitten im antarktischen Winter klingt diese Zahl fast unglaublich. An der Forschungsstation Esperanza auf der Antarktischen Halbinsel wurde damit im Juni ein neuer Hitzerekord gemessen. Noch ist ein einzelner Temperaturrekord kein Beweis dafür, dass die Antarktis plötzlich ihren Charakter verändert. Aber die Pole gelten als besonders empfindliche Regionen des Klimasystems. Veränderungen zeigen sich dort oft besonders deutlich.

Für die Pinguine bedeutet ein heißer Winter deshalb nicht automatisch das Ende. Trotzdem zeigt der Rekord, dass sich in einer Region etwas verändert, die lange als eine der kältesten und unberührtesten der Erde galt.

Rekordtemperaturen auf der Halbinsel

An der argentinischen Forschungsstation Esperanza auf der Antarktischen Halbinsel wurde der neue Juni-Hitzerekord von 15,4 °C gemessen. Normalerweise liegt der Monatsdurchschnitt zu Beginn des antarktischen Winters an der Station bei etwa minus 6 °C, an der Spitze der Halbinsel bei etwa minus 5 bis 10 °C.

Die Messung ist im Vergleich zum langjährigen Mittel extrem ungewöhnlich: Sie lag mehr als 21 Grad über dem Juni-Durchschnitt und übertraf den bisherigen Rekord von 13,3 °C aus dem Jahr 1998 deutlich.

Auch benachbarte Stationen meldeten über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen ungewöhnlich hohe Temperaturen. An der Station Marambio wurden beispielsweise 11,8 °C statt durchschnittlich minus 10,7 °C gemessen, an der Station San Martín 9,4 °C statt minus 5,6 °C.

Veränderungen am Südpol

Die Polarregionen erwärmen sich in vielen Bereichen schneller als der globale Durchschnitt. Besonders die Antarktische Halbinsel gehört zu den Regionen, in denen sich deutliche Veränderungen zeigen. Dort sind die Temperaturen seit den 1950er-Jahren deutlich gestiegen.

Auch beim Meereis der Antarktis hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Jahrzehntelang schwankte die Eismenge stark, ohne dass ein eindeutiger langfristiger Trend erkennbar war. Seit 2016 wurden jedoch wiederholt außergewöhnlich niedrige Werte gemessen. 2022 und 2023 waren sowohl beim sommerlichen als auch beim winterlichen Meereis Rekordjahre. Im Februar 2023 erreichte die Eisbedeckung mit rund 1,79 Millionen Quadratkilometern ein neues Minimum im 45-jährigen Satellitenrekord.

Gerade im Winter ist wenig Eis besonders auffällig, weil sich das Meereis zu dieser Jahreszeit eigentlich wieder ausbreitet. Steigende Temperaturen und Veränderungen im Ozean können diesen Prozess beeinflussen. Auch Regen spielt auf der Antarktischen Halbinsel eine zunehmende Rolle.

Ursachen des Hitzerekords

Der Rekord entstand durch ein Zusammenspiel mehrerer Wetterphänomene. Ein sogenannter Atmospheric River transportierte über etwa ein bis zwei Wochen feuchte Warmluft in Richtung Antarktische Halbinsel. Dadurch stiegen die Temperaturen auch an umliegenden Messstationen ungewöhnlich stark an.

Beim Überqueren der Küstengebiete löste die Luftmasse außerdem Föhnwinde aus. Dabei erwärmt sich die Luft beim Absinken. Solche Föhnlagen können lokale Temperaturen innerhalb kurzer Zeit deutlich erhöhen und trugen auch in diesem Fall zum außergewöhnlichen Rekordwert an der Station Esperanza bei.

Ein gefährlicher Teufelskreis

Eis und Schnee reflektieren einen großen Teil der Sonnenenergie. Verschwindet die helle Oberfläche, kommt dunkleres Meerwasser zum Vorschein. Dieses nimmt mehr Sonnenenergie auf und erwärmt sich stärker. Dadurch kann wiederum mehr Eis schmelzen.

Dieser Rückkopplungseffekt ist einer der Gründe, warum der Verlust von Eis für das Klima besonders problematisch ist. Auch der Meeresspiegel steigt durch den Klimawandel langfristig weiter an. Für Tiere, die auf stabiles Meereis angewiesen sind, kann der Verlust ihres Lebensraums ebenfalls Folgen haben.

Die armen Pinguine

Besonders betroffen sind Kaiserpinguine. Sie sind auf stabiles Meereis angewiesen, um ihre Jungen aufzuziehen. Bricht das Eis zu früh weg, können die Küken ins Wasser gelangen, bevor ihr Gefieder wasserdicht ist.

Wie dramatisch das werden kann, zeigte die Bellingshausen-See Ende 2022. In vier von fünf untersuchten Kaiserpinguin-Kolonien kam es nach einem vorzeitigen Verlust des Meereises wahrscheinlich zu einem vollständigen Brutausfall. Satellitenaufnahmen des British Antarctic Survey zeigten, dass das Eis verschwand, bevor die Küken ihre wasserdichten Federn entwickelt hatten.

Die langfristigen Prognosen sind deshalb alarmierend. Unter anhaltend hohen Erwärmungsraten könnten mehr als 90 Prozent der Kaiserpinguin-Kolonien bis zum Ende des Jahrhunderts quasi ausgestorben sein.

Etwas Hoffnung zum Schluss

Es ist nicht leicht, solche Zahlen zu lesen. Zumindest für mich. Angesichts der ertrinkenden Pinguinküken, des schmelzenden Eises und eines Hitzerekords von 15,4 Grad ist es leicht, die Hoffnung zu verlieren. Aber das hilft den Pinguinen auch nicht.

Eine meiner liebsten Strategien in einer Welt voller tragischer und besorgniserregender Nachrichten ist deshalb, mich daran zu erinnern, was ich alles nicht weiß. In den Nachrichten wird von Waldbränden oder Erdbeben berichtet, die passieren – und viel seltener von Katastrophen, die durch Vorsorge verhindert wurden.

Vielleicht ist es naiv, aber bei genauerem Hinsehen findet man gute Nachrichten ebenfalls überall. Auf der ganzen Welt gibt es Projekte von engagierten Menschen, die mit ihrem Beitrag etwas verändern. Und wenn gar nichts mehr hilft, erinnere ich mich daran, dass das Leben auf der Erde in vielen Bereichen noch nie so gut war wie heute.

Ich habe oft meine Zweifel. Nicht alles ist gut, wirklich nicht. Aber genauso ist nicht alles schlecht. Und das dürfen wir nicht vergessen.

15,4 Grad im antarktischen Winter sollten uns alarmieren. Die Polarregionen reagieren empfindlich auf Veränderungen und zeigen uns, wie sich unser Planet verändert. Alarmiert zu sein bedeutet aber nicht, in Panik zu verfallen. Es bedeutet, genauer hinzusehen – und irgendwann auch zu handeln.

Kommentare