Italien wechselt seine Regierungen normalerweise so häufig, dass politische Stabilität dort bereits als Erfolg gilt. Giorgia Meloni regiert nun seit 1.413 Tagen und bricht damit einen Rekord. Mich beeindruckt diese Zahl trotzdem weniger als die Frage, was sie mit ihrer langen Amtszeit macht.
Seit der Gründung der italienischen Republik 1946 gab es 68 Regierungen. Im Durchschnitt hielten sie ungefähr 13 Monate. Melonis Kabinett ist seit dem 22. Oktober 2022 im Amt und überholte am 4. September die zweite Regierung von Silvio Berlusconi. Diese regierte zwischen 2001 und 2005 insgesamt 1.412 Tage.
Fast vier Jahre ohne Regierungsbruch sind für Italien außergewöhnlich. Meloni hält ein Bündnis zusammen, in dem mehrere rechte Parteien um Macht und Aufmerksamkeit kämpfen. Sie behauptet sich gegenüber ihren Koalitionspartnern Matteo Salvini und Antonio Tajani und könnte bis zur nächsten Parlamentswahl 2027 weiterregieren.
Das ist politisches Können. Es ist aber noch keine politische Leistung für die Bevölkerung.
Was wurde aus den Warnungen?
Vor Melonis Wahlsieg warnten viele vor einem radikalen Bruch mit der Europäischen Union. Ihre Partei Fratelli d’Italia hat ihre Wurzeln in der italienischen Nachkriegsrechten. Im Wahlkampf griff Meloni die EU scharf an, verteidigte den damaligen ungarischen Regierungschef Viktor Orbán und versprach einen harten Migrationskurs.
Als Regierungschefin trat sie in Brüssel pragmatischer auf. Italien blieb an der Seite der Ukraine, Meloni arbeitete mit den europäischen Institutionen zusammen und wurde zeitweise als Verbindung zwischen der EU und Donald Trump gesehen. Wer 2022 mit einem raschen Austritt Italiens aus gemeinsamen europäischen Linien gerechnet hatte, lag falsch.
Diese Entwicklung kann man positiv bewerten. Eine Regierungschefin, die im Wahlkampf laut auftritt und im Amt Kompromisse eingeht, ist mir lieber als eine, die ihr Land in eine dauernde Konfrontation mit Europa führt. Italien ist Gründungsmitglied der EU und ihre drittgrößte Volkswirtschaft. Entscheidungen in Rom wirken sich deshalb auch auf uns in Österreich aus.
Pragmatismus macht ihre gesamte Politik aber nicht automatisch gemäßigt. Ihre Regierung verschärfte Regeln für Proteste, baute ihren Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk RAI aus und setzt in der Migration auf Abschreckung und Zentren außerhalb der EU. Stabilität kann sinnvolle Reformen ermöglichen. Sie kann einer Regierung ebenso viel Zeit geben, Macht dauerhaft in ihrem Sinne zu verändern.
Ein Rekord ohne großen Sieg
Melonis Rekord kommt außerdem zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Regierung unter Druck steht. Im März 2026 lehnten die Italienerinnen und Italiener ihre umstrittene Justizreform in einem Referendum ab. Die Abstimmung entwickelte sich zu einer Entscheidung über Melonis Regierung und wurde ihre bisher deutlichste politische Niederlage.
Auch rechts von ihr entsteht neue Konkurrenz. Die Partei Futuro Nazionale des ehemaligen Generals Roberto Vannacci erreichte in einer Ende August veröffentlichten Umfrage 7,5 Prozent und lag damit knapp vor Forza Italia. Vannacci wurde mit homophoben und rassistischen Aussagen bekannt. Sein Aufstieg erhöht den Druck auf Meloni und Salvini, ihren Ton weiter zu verschärfen.
Das ist für mich die beunruhigendste Entwicklung. Meloni galt 2022 selbst als radikale Kandidatin. Vier Jahre später erscheint sie manchen bereits als vergleichsweise vernünftige Kraft, weil rechts von ihr eine noch extremere Partei wächst. Politische Grenzen verschieben sich nicht immer durch einen plötzlichen Umbruch. Manchmal verschieben sie sich langsam, während eine Regierung stabil bleibt.
Was Stabilität wert sein sollte
Als 17-Jähriger wünsche ich mir Regierungen, die lange genug arbeiten können, um Probleme tatsächlich zu lösen. Schulen, Klimaschutz, Pensionen oder leistbares Wohnen lassen sich nicht in wenigen Monaten reformieren. Ständige Neuwahlen und Koalitionskrisen kosten Zeit und Vertrauen.
Eine lange Amtszeit verdient trotzdem keinen Applaus für sich allein. Entscheidend ist, ob eine Regierung diese Zeit nutzt, um das Leben der Menschen zu verbessern, demokratische Institutionen zu schützen und kommenden Generationen echte Möglichkeiten zu geben. Wer 1.413 Tage regiert, hatte 1.413 Tage Gelegenheit dazu.
Meloni hat bewiesen, dass eine italienische Regierung fast vier Jahre durchhalten kann. Damit widerlegt sie ein altes Klischee über das politisch instabile Italien. Ihr Rekord beantwortet aber nicht, ob Italien nach diesen vier Jahren gerechter, freier oder besser auf die Zukunft vorbereitet ist.
Am Ende bleibt deshalb eine Zahl, die zwei Geschichten erzählt. 1.413 Tage stehen für bemerkenswerte Stabilität. Sie bedeuten zugleich 1.413 Tage Verantwortung. Den ersten Teil dieses Rekords kann Meloni feiern. Über den zweiten müssen die Italienerinnen und Italiener spätestens bei der Wahl 2027 entscheiden.
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