Pause beim Kistenpacken
Ich sortierte gerade Shirts und Röcke für den Herbst aus, als ich mein Handy checkte und kurz Pause machte. In meinem Feed lief ein Video von Moe.haa, einem Influencer auf Social Media, der immer wieder AirTags in Paketen versteckt, um zu sehen, wohin sie wirklich verschwinden. Dieses Mal ging es um eine Taschentuchbox von Shein.
Er bestellte sie, klebte einen AirTag hinein, schickte sie als Retoure zurück und verfolgte den Weg. Die Box startete in München, ging zu einem GLS Paketzentrum, von dort 600 Kilometer weiter zu einem zweiten GLS Logistikzentrum, wo sie zwei Tage liegen blieb. Danach ging das Paket nach Polen, wieder in ein Logistikzentrum, wo die Box drei Wochen lang einfach herumlag. Am Ende noch einmal 200 Kilometer zur letzten Station. Insgesamt zwei Länder, über 1200 Kilometer. Und dann wurde die Box, laut Video, einfach verbrannt, als Ersatzbrennstoff in einem Zementwerk.
Am Ende des Videos schaute er direkt in die Kamera und sagte: „Ich bitte euch sehr drum, denkt zweimal darüber nach, wo ihr bestellt und was ihr bestellt.” Ich blieb mit meinem Handy in der Hand zwischen den halb gepackten Kisten sitzen.
Warum Verbrennen billiger ist als Verkaufen
Klingt absurd, aber genau das ist wirtschaftlich oft die einfachste Lösung für Unternehmen. Eine Studie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg im Auftrag des Umweltbundesamts hat genau untersucht, warum auch neuwertige, komplett funktionstüchtige Retouren häufig vernichtet statt weiterverkauft werden. Die Forschenden fanden heraus, dass wirtschaftliche Anreize, fehlende Transparenz und unklare Verantwortlichkeiten die zentralen Gründe sind, viele Unternehmen lagern die Verantwortung einfach an Dritte aus, sodass am Ende niemand für die Entscheidung geradesteht.
Für ein Unternehmen wie Shein, das ohnehin auf extrem billige Massenware setzt, lohnt sich Lagern, Prüfen und Wiederverkaufen einer einzelnen Taschentuchbox oft schlicht nicht. Verbrennen ist günstiger als der Aufwand, sie zurück ins Sortiment zu bringe, ebenfalls laut Video. Offiziell ist das Ganze jedoch nicht. Shein meint sie würden den Zustand der Ware kontrollieren und nur wenn es Schäden gibt, entsorgen sie das Produkt.
Meine Freundinnen und der Retour-Button
Ich bestelle selbst so gut wie nie bei Shein, aber in meinem Freundeskreis ist das anders. Meine Freundin Lena hat letzten Monat fünf Teile für einen Festival-Look bestellt, alle in zwei Größen, um zu Hause zu vergleichen. Drei davon gingen zurück. „Ist doch kostenlos, wieso nicht”, meinte sie, als ich sie darauf ansprach. Für sie war der Klick auf Retoure genauso selbstverständlich wie der Klick auf Bestellen.
Nach dem Video mit der Taschentuchbox erzählte ich ihr davon. Sie war kurz still, dann sagte sie nur: „Krass, das hätte ich nicht gedacht, aber am Ende bestell sie wahrscheinlich trotzdem wieder zwei Größen.”
Zwischen Wissen und Handeln
Genau da stehen viele von uns gerade. Wir wissen, dass die Retoure nicht einfach zurück ins Regal wandert, aber der Preis, die Auswahl und die Bequemlichkeit sind stärker als das schlechte Gewissen. Ich habe meine Sommersachen an diesem Nachmittag fertig verräumt, ordentlich gefaltet, für den nächsten Sommer aufgehoben, nicht zurückgeschickt.
Vielleicht ist das der einzige Unterschied, den ich gerade machen kann. Nicht weniger kaufen, aber wenigstens einmal überlegen, ob ich wirklich zwei Größen bestellen muss, nur weil der Rückweg für mich kostenlos aussieht.
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